Horst Selbiger: „Das Leben ist nicht alternativlos!“

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der Waldeckischen Landeszeitung (Verfasser Nicole Schäfer)

„Das Leben ist nicht alternativlos!“


Hort Selbiger berichtet von seinem Leben als Jude während der NS-Zeit

Ruhig sitzt er da, teilweise braucht es ein wenig, bis er die richtigen Worte für das findet, was oft nacherzählt wird, kaum vorstellbar ist und was er wirklich erlebt hat. Horst Selbiger erlebte die Zeit des Nationalsozialismus hautnah mit. 1928 als „Halbjude“ in Berlin geboren, musste er schon als Kind erwachsen werden.

Korbach. Im Musiksaal der Alten Landesschule herrscht höchste Aufmerksamkeit, als Horst Selbiger den zwei Geschichtsleistungskursen der Jahrgangsstufe Q2 von den Ereignissen ab 1933 berichtet. Er ist einer der letzten Zeitzeugen, die heute noch an Schulen kommen, um von der schrecklichen Zeit des „Krakeelers und Krawallpolitikers Hitler“ zu erzählen. Selbiger war gerade vier Jahre alt, als es am 30.01.1933 zur Machtübergabe an Hitler kam. Er stellt die ersten 100 Tage danach chronologisch dar. „Ich möchte Ihnen zeigen, wie schnell das alles ging. Verstehen Sie, nach den ersten 100 Tagen herrschte eine wahre Hitler-Euphorie in Deutschland, auch wenn sich das später noch ändern sollte“, erklärt er.

1934 wurde Selbiger an der Volksschule eingeschult. Schon da trafen ihn die Schmähungen und Hetze seiner Mitschüler. „Die Ausgrenzung fand plötzlich in hohem Maß statt. Es war eine Erniedrigung“, erinnert er sich. In der Zeit des Umbruchs ging alles ganz schnell. Und plötzlich wechselten alte Bekannte die Straßenseite. Mit acht Jahren lernte er boxen, um sich gegen die Angriffe seiner Mitschüler wehren zu können. „Das sah alles böse aus“, war sich Selbiger schon als kleiner Junge bewusst. Im Gegensatz zu seinem Vater, der als Zahnarzt und ehemaliger Kämpfer im ersten Weltkrieg zunächst noch seine Praxis weiterführen durfte. Seine Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, zerschellte jedoch schnell an der Realität. „Immer mal“ verschwanden Juden, in der Mittelschule der jüdischen Gemeinde, die er später besuchte, war an alltäglichen Unterricht nicht mehr zu denken. Dort lernte er auch Esther kennen, seine erste Liebe.
Im Laufe der Zeit erging es den Juden immer schlechter. Sie wurden von der Wirtschaft ausgeschlossen, mussten den Judenstern tragen, einige wurden auf offener Straße festgenommen und misshandelt. Öffentliche Veranstaltungen, Stadtteile und Gebäude wurden zur Juden-freien-Zone, sie durften kein Auto mehr fahren und wurden aus dem Sozialsystem ausgestoßen. Sein Vater musste schwere Arbeiten verrichten und sie wurden ins Judenhaus umgesiedelt. „Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Uns wurden alle Freiheiten genommen“, berichtet Selbiger.
Für ihn war schon früh offensichtlich, was in den Konzentrationslagern geschah. „Ich wollte nichts Unbedeutendes lernen, wo ich doch wusste, was da draußen los war“, erzählt Selbiger.
Aus seiner Familie wurden 61 Menschen getötet. Die älteste war 86, der jüngste gerade 6 Monate und zwei Tage alt. Er selbst entging der Deportation nur knapp. An seiner (Zwangs-)Arbeitsstelle wurde er festgenommen und an eine von vier Sammelstellen, einer ehemaligen Synagoge, gebracht. „Wer so was erlebt hat, bleibt ein gezeichneter Mann fürs Leben.“
In der Synagoge traf er Esther wieder. Gemeinsam verbrachten sie die grausamste, verzweifeltste und elendste Nacht seines Lebens, in Mitten von tausenden anderer Gefangenen. Einen Tag darauf wurde Esther nach Auschwitz deportiert, alle Umarmungen und stille Versprechen konnten den drohenden Tod nicht abwenden. „Ich verfluchte Gott und ich wusste, ich würde sie ein Leben lang suchen“, erzählt Selbiger von diesem sehr persönlichen Moment. Diese junge Frau durfte nicht mehr leben, weil sie Jüdin war.
Ihm selbst kamen die Proteste und Demonstrationen in Berlin zu Gute, die von hartnäckigen Bevölkerungsschichten immer wieder gewaltfrei geführt wurden und zuletzt Entlassungen nach sich zogen, auch seine. Heute, über ein halbes Jahrhundert später, appelliert Selbiger an die Jugendlichen vor ihm. „Das Leben ist nicht alternativlos, sucht nach den Alternativen“.
Auch wenn fast alle NS-Funktionäre schon verstorben sind – ihr Gedankengut hat in wenigen überlebt. „Gewalt fängt da an, wo man wegschaut“, schließt Horst Selbiger den Ausflug in seine Erinnerungen.  

HorstSelbiger

Dieser Beitrag wurde unter Zeitzeugengespräche veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.