Rezension von Philipp Sonntag zu Peter Kroh: Minderheitenrecht ist Menschenrecht – Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa. Beggerow Verlag, 2015, 485 Seiten.

Rezension von Philipp Sonntag zu

Peter Kroh: Minderheitenrecht ist Menschenrecht – Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa. Beggerow Verlag, 2015, 485 Seiten.

Minderheiten- und Fremdenfeindlichkeit sind Phänomene der Vergangenheit und Gegenwart. Beim Beggerow Verlag ist ein Buch erschienen, das dem Leser deutsche und europäische Konflikte im Umgang mit ethnischen Minderheiten nahebringt. Es kann unsere Solidarität wesentlich präzisieren und mitfühlend unsere emotionale Verbundenheit vertiefen.

Der Autor Peter Kroh hatte als Sorbe in der DDR zunächst handwerklich gearbeitet, später ein Lehrerstudium begonnen und danach promoviert über „Ethische Probleme der sozialistische Arbeitsdisziplin“. Hinzu kam 1985 eine Habilitation zu „Wirkungsbedingungen des protestantischen Arbeitsethos in der DDR“. Zugleich war und ist er mit den Lebensumständen der Sorben vertraut. Dieser Werdegang macht nachvollziehbar, inwiefern er für eine systematische Untersuchung des Schicksals der Sorben, insbesondere zur Zeit des Nazi-Regimes, prädestiniert war.

Dazu hat er vor allem das Wirken des Sorben Jan Skala (1889 -1945) als Chefredakteur der „Kulturwehr“ (Zeitschrift des Verbandes der nationalen Minderheiten in Deutschland) mit Akribie und Einfühlungsvermögen nachgezeichnet. Skalas minderheitspolitische Schriften und Reden sind vielfältig ergiebig und bezeichnend sowohl für damalige als auch aktuelle Probleme. Auf der Rückseite des Buches steht der enthüllende Satz: „Wahre Ignoranz ist nicht fehlendes Wissen, sondern Weigerung, es zu erwerben.“

Das Buch ist für Wissenschaftler außerordentlich ergiebig und dabei für Laien anschaulich und gut verständlich. Es gibt der in Deutschland weitgehend unbekannten sorbischen Identität eine selbstkritisch ehrliche Gestalt, immer vor dem Hintergrund systematischer Unterdrückung vor allem während der Zeit des Nazi-Regimes. Dafür sind bereits Formulierungen von Kapitelüberschriften typisch, wie „Kritik an nationalistischer und klerikaler Minderheitenpolitik“, aber auch „Innersorbische Querelen mit bei-spiellosen Unfassbarkeiten“. Skala sah „die sorbische Seite nicht auf der Höhe der Zeit“ (S. 174), indem zum Beispiel klerikal-nationalistische Übergriffe wie nur deutsch sprechende Pastoren in sorbischen Kirchen teils mit Protest, aber auch teils mit gewohnter Unterwürfigkeit unter klerikale Strukturen beantwortet wurden. Überzeugend weist der Autor nach, dass „christliche und sozialistische Ideen – wechselseitig sich befruchtend und immer Bezug nehmend auf die soziale Wirklichkeit – […] Skalas journalistisches und politisches Engagement für die Minderheits- und Menschenrechte seines sorbischen Volkes (leiteten)“ (S.111)

Kennzeichnend sind Formulierungen wie „Minderheitenverband, 'Kulturwehr‘ und Skala rudern mutig gegen den Sturm.“ Der Kontext ist eindeutig (S. 13): „In gesellschaftlichen Krisen und mit ihnen entstanden und entstehen rechtsextreme, faschistoide Stimmungen, Bewegungen und Organisationen. Faschismus jedoch – das lehrt uns die Geschichte – ist die vorsätzliche, zielstrebige, allumfassende Zerstörung aller Menschen- und Minderheitenrechte.“

Weil für den Autor jedoch – wie es auf der Rückseite heißt – Geschichte „nicht zuerst Rückblick, sondern Ausblick“ ist, geht er nach einer komplexen Erörterung der Menschenrechte und kritischen Anmerkungen zu ihrer Ausprägung in der Bundesrepublik auf höchst aktuelle Probleme des sorbischen Volkes ein. Dafür stehen u.a. Kapitelüberschriften wie „Einigungsvertrag und Grundgesetz“,„ Staatsbürgerschaft“, „Serbski Sejmik“ , d.h. das Streben der Sorben nach einem eigenen Parlament oder „Heimat und Bodenschätze“, wo er auf die Gefahren für das Volk durch die Abbaggerung aufmerksam macht.   


Der Druck des informativen Buches wurde möglich mit Förderung durch die „Stiftung für das sorbische Volk“. Zugleich ist für einen kleinen Verlag wie Beggerow eine derart sorgfältige, fundiert moderne Publikation eine beeindruckende Leistung. Der Verlag hat sich aus seinem belletristischen Schwerpunkt (mit dem 2012 verstorbenen Verleger Rainer Hengsbach) heraus in Richtung sozialkritischer Bücher (so die Buchserie „Zu Wahrheiten vereint“) bewegt und die weitere Entwicklung mit der Verlegerin Karin Manke-Hengsbach erscheint als vielversprechend.

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