Das Geheimnis und die
Würde der sehr jungen Child Survivors
Robert Krell, M.D.
Für Child Survivors, die nun fast 60 Jahre oder älter
sind, ist es ein andauerndes Geheimnis, warum wir unter Erinnerungen
leiden, die in sehr frühe und frühe Kindheit
zurückführen. “Wie ist es
möglich“, fragen wir,
“dass, nachdem wir während
unseres Lebens Familien großgezogen haben, wo wir beruflichen
oder geschäftlichen Erfolg erreicht haben, wo wir zum
Wohlergehen von Gemeinden und Israel beigetragen haben, wir nun unter
dem leiden, das damals passierte? Wir waren so klein
und es ist so lange her."
Es gab Kinder, welche die Kriegszeit durchlitten haben ohne
Vorkriegserinnerungen, ohne Erinnerungen an Schulzeit oder an
eine stützende Familie. Sie sind während des Krieges
geboren, zu Beginn des Krieges, und waren 1945 nicht älter als
fünf
oder sechs Jahre alt. Diese Kinder verfügen lediglich
über Erinnerungsbruchstücke von Angst und Verlusten
und vielleicht eine flüchtige Spur eines bewusst erinnerten
Elternteils oder einer elterlichen Gebärde. Jedoch selbst
diese kleinen Erinnerungsfetzen sind wichtig, weil sie sowohl
traumatische als auch heilende Erinnerungen hervorbringen. Es handelt
sich um Erinnerungen, die nicht verneint werden dürfen.
Eigenartigerweise beschuldigten Erwachsene kleine Kinder,
überÂhaupt keine Erinnerungen zu haben und
deshalb frei von ProbleÂmen zu sein. Ältere
Überlebende, die sich an Familienleben
erinÂnerten, Konzentrationslager sowie unsagbare
Gräuel durchlitten hatten, betrachteten die Kinder
“glücklich zu sein, nicht zu wissen, was
passierte“. Sie hatten unrecht.
Viele psychologische Beweise weisen auf das genaue Gegenteil hin.
Für das Erwachsensein braucht das Kind ein gutes Fundament.
Dieses basiert auf der Entwicklung von Gefühlen der Sicherheit
und des Vertrauens - basierend auf elterlicher Liebe
-‚ der
zur Verfügungstellung von Schutz, Nahrung und einem
verlässlichem Leben. Alles, was sich in den ersten zwei bis
drei Jahren
entwickelt, wurde durch dramatisches Zerreißen lang andauernd
verwüÂstet. Wenn das Trauma mehrere Jahre
andauert, was es für
so viele tat, und sich wegen neuer, - während der
unmittelbaren Nachkriegsjahre erlittenen - Traumen nicht verringert,
werden
die für eine vollständige, reife
Persönlichkeit erforderlichen Strukturen im Innersten
geschüttelt. Sogar die präverbalen
Erinnerungen einer verwundbaren Existenz sind zusammen mit den
Erinnerungen aus etwas späterer Zeit eingraviert. Und diese
Erinnerungen haben die Neigung, leicht wieder aufzutauchen. Es bedarf
nur eines Klanges, eines Geruchs oder einer Berührung.
Wie haben wir das nun gemacht? Reichten die Fragmente von Erinnerungen
aus? Durften wir uns einen normalen Anfang vorstellen?
Haben wir uns selbst getäuscht, in dem wir uns dem Chor
derjenigen anschlossen, die sagten: "Du warst zu
klein,
dich zu erinnern", dabei andeutend,
"Du hast nicht gelitten, wie
wir"? Woher haben wir die Kraft genommen?
Vielleicht haben wir unseren traumatischen Start während
dieser vielen Jahren einfach mit Eintauchen in Arbeit, mit starken
Verpflichtungen gegenüber Familie und Freunden und mit
Selbstbesäftigung durch Reisen und
Abenteuer übergangen, um das
Geheimnis zu bewahren: das mysteriöse Herz von Scham und Wut.
Warum Scham? Es ist die Erwiderung auf das Gefühl eines
Kindes,
dass etwas mit ihm nicht in Ordnung ist, da es so schlecht behandelt
wird. Eine Erwiderung auf die unergründliche Erfahrung
der Verfolgung ist so heftig, dass keine andere Antwort bleibt, als
wütend zu sein.
Ich funktioniere gut. Ich habe eine erfolgreiche Karriere, eine mich
liebende Familie, liebe Freunde und ein ausgefülltes
Leben. Mit alledem, im Alter von 56, suchte ich einen Experten
für frühkindliche Träume auf, einen
Therapeuten, um einen
Unterstützungsbrief für eine
Entschädigungsklage abzusichern, die bei der WUV
(Niederländische Wiedergutmachungsorganisation)
eingereicht werden sollte. Es war eine kleine Suche nach Gerechtigkeit,
die ich früher nie in Betracht gezogen hatte.
Vorbereitet, meine Geschichte des Verstecktseins in einer rationalen,
folgerichtigen Art und Weise zu erzählen, brachte
ich nur fertig, während voller zwei Stunden zu weinen. Wo auf
dieser Erde liegt diese Welt brach? Wo in uns liegt dieses
sich schämende hilflose Opfer begraben? Und wann und wo wird
es erneut zum Vorschein kommen?
Niemand weiß das genau. Aber glauben Sie mir, wenn es dies
noch nicht getan hat, so wird es dies noch - es wird noch.
Weil wir älter werden und nostalgisch auf unsere Vergangenheit
blicken, nicht so wie bei denen, wo die Vergangenheit
normal war im Sinne eines guten Starts, führen uns unsere
Erinnerungen geradewegs zurück zum Alptraum, was das Leben
damals war. Es ist besser dem ins Gesicht zu sehen und nicht bei
Fremden, sondern bei uns selber.
Ist die Situation hoffnungslos? Weit davon entfernt. Den zerbrechlichen
Unterbau unserer Existenz in Betracht ziehend,
welch Wunder ist es, bis dahin gekommen zu sein. Haben es alle von uns
geschafft? Vielleicht nicht. Die allgemeine
Prognose für Kinder, die die Kindheit völlig
entbehren mussten, ist nicht vielversprechend. Wir haben sogar den
Vereinbarungen der modernen Entwicklungspsychologie getrotzt.
Wir leben widersprüchlich. Wir sammeln unsere
Erinnerungsbruchstücke ein und bauen darauf, wir bauen unser
Fundament
wieder auf schreiben unsere Geschichte, lesen die Geschichten anderer,
fügen zu unserem Wissen und dem eigenen Verstehen hinzu,
ziehen aus alledem Stärke und quälen uns, unserer
Verzweiflung entgegenzutreten. Meistens siegen wir, denn, unsere
Verzweiflung
hat reale Gründe, keine eingebildeten. Der Kampf ist sehr
heftig aber bedeutungsvoll, das Erreichte echt verblüffend.
Und wer, wenn nicht wir, kann den Stolz verstehen, den wir gegenseitig
haben. Denn wer sonst weiß, was es bedeutet,
bis an diesen Punkt gekommen zu sein.
Der Kampf ist weit davon entfernt, vorbei zu sein. Es gibt immer wieder
Berichte, wie z. B. von einem sehr erfolgreichen
zielstrebigen Geschäftsmann, der sich 1997 widerspenstig gab
bei einem Treffen von Child Survivors, welche nach dem Krieg
zusammen in der gleichen Schutzunterkunft untergebracht waren. Die
Geschichte, wie sie mir von einem Freund, der dort
teilnahm, erzählt wurde, bestätigte das, was wir so
gut kennen. Dieser Mann erhob Widerspruch gegen seine Anwesenheit,
indem er sagte, dass er sich
verpflichtet
fühlte teilzunehmen. Er sagte, dass er diese Art Veranstaltung
nicht brauche.
Während zwei Tagen protzte er, sich von den anderen
distanzierend, mit dem Erreichten und den Erfolgen seines Lebens.
Irgendwie fragte ihn schließlich jemand nach seinem
Überleben,
sagte er, "mein Vater und ich". So weit kam er.
Er weinte zum ersten Mal nach 52 Jahren und konnte nicht fortfahren.
Das Leiden und die Heilung dauern an. Viel davon betrifft das
Wiedererlangen von Erinnerung. Damit dies geschieht,
müssen wir das Vorhandensein unserer frühesten
Erinnerungen und deren plötzliches stürmisches
Auftauchen im späteren
Leben zur Kenntnis nehmen. Somit ist das Vergießen der ersten
Tränen kein Problem, wenn es einen neuen Anfang bedeutet,
nämlich die Begegnung mit der Vergangenheit und den daraus
folgenden Wiederaufbau von Selbstwertgefühl und
persönlicher Würde.
erschienen in "The Hidden Child", Winter 1998/1999
Übersetzung aus dem Englischen Rachel Meier
Robert Krell, M.D., F.R.c.P. (C) ist Professor der Psychiatrie an der
University of British Columbia und ein berühmter
Autor über Holocaust Überlebende und deren Kinder
