Auftakt des Projektes „Erinnerungspaten” mit Regierungspräsident Prof. Dr. Klenke

Überlebende des Ghettos Theresienstadt sprach mit Schülern der Realschule zur Windmühle und Anne-Frank-Hauptschule

 

Münster/Ennigerloh. Die Abschlussklassen der Realschule zur Windmühle und Anne-Frank-Hauptschule in Ennigerloh hatten am Dienstag (13. Juni) die Chance mit der aus Münster stammenden Liesel Binzer eine der letzten Zeitzeuginnen zu hören, die in dem Konzentrationslager Theresienstadt interniert waren und die Shoa überlebt haben.

Doch die Zeit, in der Überlebende die Erinnerung an den Holocaust und die Entrechtung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten persönlich den nachwachsenden Generationen vermitteln können, neigt sich dem Ende entgegen. Was dann?

 

Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke gab im Rahmen des Zeitzeugengesprächs in der Realschule Ennigerloh den Startschuss für das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“ für den Regierungsbezirk Münster. „Erinnerungspaten, die in einem engen Kontakt zu den Überlebenden stehen oder standen, können besser als jede Geschichtsschreibung einen unmittelbaren Eindruck von der Dimension des Unrechts vermitteln und damit gegen eine Wiederholung des Bösen immun machen. Es ist höchste Zeit, ihnen zuzuhören“, sagte Klenke.

 

Die Schüler erlebten den Historiker Matthias Ester vom Geschichts-Kontor Münster als ersten Erinnerungspaten. Er führte das Gespräch und zeigte Dokumente, Fotos und Erinnerungsstationen. Ester steht seit Jahren in engem Austausch mit der Zeitzeugin Liesel Binzer, die 1936 in Münster als Liesel Michel geboren wurde und fünf Jahre alt war, als sie am 31. Juli 1942 mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster aus nach Theresienstadt deportiert wurde. Ester war es auch, der Liesel Binzer ermutigte, öffentlich über ihr Überleben im Nazi-Terror, ihre Kindheit im Ghetto und später ihre Jugend und Schulzeit im Nachkriegs-Münsterland zu sprechen. Die Zeitzeugin schilderte den Schülern der Abschlussklassen auch, wie sie mit den Erfahrungen und Nachwirkungen einer „gestohlenen Kindheit“ umgegangen ist und wie ihre Kinder und Enkel dieses „Familienerbe“ wahrnehmen.

 

Für das  Projekt „Erinnerungspaten" hat das Dezernat für Lehrerfortbildung der Bezirksregierung Münster in Zusammenarbeit mit der Villa ten Hompel ein Konzept entworfen, wie das Gedenken am besten wachgehalten werden kann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Zu diesen Zeitzeugen gehören alle  Menschen, deren Leben in der Zeit des Nationalsozialismus massiv gegen ihren Willen verändert wurde, wie Holocaust-Überlebende, Verfolgte, Untergetauchte, Emigranten, Kinder der Kindertransporte, aber auch Angehörige von Überlebenden. Die potentiellen Erinnerungspaten sollen die Zeitzeugen oder die Angehörigen persönlich gekannt und gesprochen, als Zeitzeugen gehört haben und Fotos, Briefe, Dokumente oder Video-Audiomitschnitte aus dem Leben des Zeitzeugen präsentieren können. Die Erinnerungspaten übernehmen als Vermittler und Botschafter die Geschichte des Überlebenden. Es ist unter anderem wichtig, dass Erinnerungspaten ein vertieftes historisches Sachwissen haben, gut erzählen und mit Schülern umgehen können. Die künftigen Erinnerungspaten werden bei ihrer Aufgabe eng von Fachleuten der Bezirksregierung Münster und der Villa ten Hompel begleitet.

Bildzeile: Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke (7.v.r.) startete in Ennigerloh gemeinsam mit Zeitzeugin Liesel Binzer (5.v.r) und dem Historiker Matthias Ester (4.v.r.) das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“. Die Veranstaltung wurde von Realschulleiterin Felicitas Inkmann (7.v.l) und Geschichtslehrer Marco Kühlert (l) sowie Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen unterstützt.

Bildquelle: Bezirksregierung Münster (Wir erklären uns damit einverstanden, dass die beigefügten Bilder für die Berichterstattung in Print- und Online-Medien sowie in Sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. Ausgenommen sind sonstige kommerzielle Zwecke.)

 

Weitere Informationen zu der Zeitzeugin Liesel Binzer:

 

Liesel Binzer, geb. Michel, 1936 in Münster geboren, war fünf Jahre alt, als sie am 31. Juli 1942 mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster aus nach Theresienstadt deportiert wurde. Die Familie überlebte die Shoah; sie wurde am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit und ließ sich im Juli 1945 in Freckenhorst, dem Heimatort der Mutter, nieder. Liesel Michel besuchte die Volksschule in Freckenhorst und das Mariengymnasium in Warendorf, wo sie 1957 das Abitur machte. Sie wurde Finanzbeamtin. 1960 heiratete sie Hans David Binzer. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Mitte der 1960er Jahre zog die Familie in die Nähe von Frankfurt/Main, wo Liesel Binzer auch heute noch lebt.

 

Liesel Michel gehört zu den 15.000 Kindern, die in dem Konzentrationslager Theresienstadt im damaligen „Protektorat Böhmen und Mähren“ interniert waren, von denen nur etwa 150 überlebten. Mehr als 140.000 Menschen wurden in der Garnisonsstadt Terezín in den Jahren 1941 bis 1945 gefangen gehalten. Etwa 33.000 Juden starben aufgrund der katastrophalen Lebensumstände oder fielen dem Terror zum Opfer, 88.000 Häftlinge wurden weiter in die Vernichtungslager im Osten Europas deportiert. Das Lager Theresienstadt diente auch der nationalsozialistischen Propaganda. Als „Vorzeige-Ghetto“ sollte es die internationale Öffentlichkeit über den wahren Charakter des Lagers und der Judenverfolgung hinweg täuschen.

 

Liesel Binzer spricht erst seit wenigen Jahren öffentlich über ihr Überleben im Nazi-Terror und ihre Jugend im Münsterland. Am 27. Januar 2011, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, fand in Warendorf ihr erstes Zeitzeugengespräch statt.

 

Inzwischen engagiert sich Liesel Binzer im Vorstand des Vereins „Child Survivors Deutschland – Überlebende Kinder der Shoah“ (www.child-survivors-deutschland.de), in dem sich Menschen organisieren, die als Kinder in der Nazi-Zeit verfolgt wurden und nun im hohen Alter an die Öffentlichkeit treten.

 

Anfang April 2017 sind die Erinnerungen von Frau Binzer in Buchform erschienen – ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zur öffentlichen Zeitzeugin. Das Buch enthält zudem kurze Statements der drei Kinder und eines Enkels, die darüber berichten, wie die Shoah-Erfahrungen der Mutter bzw. der Großmutter in den Lebensalltag der zweiten und dritten Generation hinein wirken. Liesel Binzer: Ich prägte mein Leben in – wegen – trotz Theresienstadt

(Bittere Vergangenheit – Bessere Zukunft, Bd. 2), Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2017, 80 S., Broschur, zahlreiche Abbildungen, € 12,90, ISBN 978-3-95565-212-8

 

Klappentext: „Ich habe versucht, mein eigenes Leben soweit wie irgend möglich selbst zu gestalten und einiges ist mir gelungen. Eigentlich war das kaum möglich und es ist mir heute noch unheimlich: Ich war mit 15.000 Kindern im Ghetto Theresienstadt und nur etwa 150 haben überlebt. Wie generell bei Child Survivors, welche die Verfolgung der Nazis als Kinder und/oder Jugendliche überlebt haben, so ist auch bei mir der Neuanfang 1945 schwierig gewesen. Natürlich war die Befreiung ein Höhepunkt des eigenen Lebens. Aber es fehlte viel Ausbildung, es fehlte 'das Erlernen des Verhaltens im Alltag' durch eine gesunde Familie in einem respektvollen gesellschaftlichen Umfeld. Für die Auswirkungen des Holocaust ist typisch, dass ich sie nach wie vor spüre und in den Herausforderungen des Lebens damit immer neu umgehen muss. 2001 wurde der Verein Child Survivors Deutschland e. V. gegründet, in dem ich ein aktives Vorstandsmitglied bin.“ Liesel Binzer

 

Familiengeschichtliche Daten zu Liesel Michel-Binzer

Vater: Bernhard Michel (9.10.1897 Burgsteinfurt – 24.11.1977 Frankfurt/M.)

Mutter: Hilde Rosenberg (15.3.1906 Freckenhorst – 6.10.1977 Münster)

Hochzeit: 20.12.1935 in Münster

(Hilde und Bernhard Michel sind beerdigt auf dem Jüdischen Friedhof in Warendorf.)

Liesel Michel-Binzer

Geburt: 16.10.1936 Münster; einziges Kind des Ehepaares

Hochzeit: 1.4.1960 in Freckenhorst, Hans David Binzer (1931 – 2005)

Kinder: Daniela (*1961), Gabriela (*1962), Michael (*1966)

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