Familiengeschichte eines KZ-Überlebenden

Dr. Thomas Gabelin spricht in Arzberg und Marktredwitz über das Schicksal seiner jüdischen Familie. Er wurde im Konzentrationslager geboren

Thomas Gabelin zeigt ein Foto von ihm, seinem älteren Bruder Richard und seiner Mutter Lore – der Frau, die es schaffte, ihn als Neugeborenen im Konzentrationslageram Leben zu erhalten. Foto: Uschi Geiger  

Arzberg – Vor allem seiner Mutter hat Dr. Thomas Gabelin es zu verdanken, dass er heute über das Schicksal seiner Familie und die Umstände seiner Geburt Bescheid weiß: Denn er kam 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt zur Welt, und was Lore Gabelin selbst aus dieser Zeit wusste, hat sie ihm erzählt. Nach weiteren Recherchen verfügt der Krefelder Psychologe nun über umfassende Informationen darüber, was damals geschah. Mit dem Vortrag “Geburtsort Theresienstadt – wie konnte es dazu kommen?” war er am Sonntag zu Gast beim “Runden Tisch für Demokratie und Toleranz Arzberg”, der in die “Bergbräu” eingeladen hatte. Am Montag traf er sich mit Oberstufenschülern der Erich-Kästner-Schule Marktredwitz zum Gespräch.

Bis zu Hitlers Machtergreifung, erzählt Gabelin, habe das Zusammenleben der Religionen und Weltanschauungen in Krefeld problemlos funktioniert. Seine Mutter Lore stammte aus einer jüdisch-katholischen Familie; sie selbst war getauft und besuchte eine katholische Schule, während ihre jüngere Schwester Ilse in die jüdische Volksschule ging. Die “Nürnberger Gesetze” von 1935, mit denen die Nationalsozialisten ihre antisemitische und rassistische Ideologie auf eine juristische Grundlage stellten, unterschieden genau: Während Lores Eltern laut dieser Gesetze “eine privilegierte Mischehe” führten und sie selbst als “Mischling I. Grades” eingestuft wurde, galt ihre Schwester als Jüdin und musste als einzige der Familie ab 1941 den Judenstern tragen.

Weil sie sich deshalb benachteiligt fühlte und ihren Vater veranlasste, diese Einstufung überprüfen zu lassen, wurden die Behörden auf die Familie aufmerksam – mit dem Ergebnis, dass von 1943 an nun alle den Judenstern zu tragen hatten. Bei bloßer Diskriminierung sei es nicht geblieben, erzählt Thomas Gabelin weiter. Bereits seit 1937 waren die
materiellen Sorgen groß gewesen; alle Auswanderungsversuche waren gescheitert. Sein 85-jähriger Urgroßvater wurde 1941 in einem jüdischen Altersheim Opfer des “Euthanasie”-Programms der Nationalsozialisten.

Wie seine Mutter Lore galt auch sein Vater Werner Gabelin, der aus einer katholisch-jüdischen Ehe stammte, zunächst als “Mischling I. Grades”; beide wurden 1943, ein Jahr nach ihrer Eheschließung, zu Juden erklärt und waren von da an akut gefährdet. Tatsächlich war es im September 1944 soweit: Mutter, Schwester, Lores Ehemann und sie selbst, mit ihrem zweiten Kind schwanger, wurden verhaftet und deportiert. Der zweijährige Richard, Gabelins älterer Bruder, entging dem nur deshalb, weil sein Name durch Zufall auf der Liste fehlte und sein katholischer Großvater ihn wieder mit nach Hause nehmen durfte.

Theresienstadt, das bedeutete neben all dem Hunger, der Zwangsarbeit und der Willkür der Aufpasser auch Zwangskaiserschnitte bei Schwangeren, deren Ungeborene aus dem Bauch geholt und dem Tod überlassen wurden. Dass Thomas Gabelin im Dezember 1944 zur Welt kommen und weiterleben durfte, war also nicht selbstverständlich. Und doch, weiß er aus den Erzählungen seiner Mutter, habe sie es geschafft, ihn am Leben zu erhalten, irgendwie.

Lore Gabelin kehrte mit Mann und Sohn im Sommer 1945 nach Krefeld zurück, fand auch ihren Erstgeborenen Richard wieder. Die Familie baute sich in ihrer alten Heimat erneut eine Existenz auf, da die erhoffte Auswanderung in die USA an Werner Gabelins Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei scheiterte.

“Absolut ungewöhnlich” sei die Geschichte seiner Familie, urteilt Thomas Gabelin heute: Vier Generationen – Urgroßmutter, Großmutter, seine Eltern und er – hätten überlebt und seien in Theresienstadt gewesen, als das Lager von der Roten Armee befreit wurde. Dennoch seien aus den weiteren Zweigen der Familie insgesamt 65 Verwandte umgebracht worden; zum Teil sei ihr genaues Schicksal noch immer ungeklärt.

Und heute? Er persönlich, berichtet Thomas Gabelin im Gespräch mit den Zuhörern, sei in jüngerer Zeit noch nicht wegen seines jüdischen Glaubens angegriffen worden. Wie vor dem Krieg sei Krefeld ein liberaler Ort. Allerdings traue man sich in Deutschland heute wieder vieles zu äußern, was noch vor 20 Jahren unsagbar gewesen wäre. Als Vorstandsmitglied des Vereins “Child Survivors Deutschland – Überlebende Kinder der Shoah”, versuche er, die Erinnerung lebendig zu halten.

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