Geschwister-Scholl-Tag

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Geschwister-Scholl-Tag

Eindringliches Zeitzeugnis

Münster-Kinderhaus – Die Geschwister-Scholl-Realschule und das Geschwister-Scholl-Gymnasium veranstalten jedes Jahr am 22. Februar einen Scholl-Tag mit einem unfangreichen Programm. Er ist den Namensgebern der Schulen gewidmet und erinnert an die große Zivilcourage, mit der Sophie und Hans Scholl für ihre Überzeugung eintraten und dafür am 22. Februar 1943 hingerichtet wurden.

Von Katrin Jünemann

Freitag, 22.02.2019, 20:00 Uhr

Liesel Binzer überlebte mit ihren Eltern das Getto Theresienstadt. Sie war als Zeitzeugin am Geschwister-Scholl-Tag Gast im Kinderhauser Schulzentrum.
Liesel Binzer überlebte mit ihren Eltern das Getto Theresienstadt. Sie war als Zeitzeugin am Geschwister-Scholl-Tag Gast im Kinderhauser Schulzentrum. Foto: kaj

Als Zeitzeugin war am Freitagvormittag Liesel Binzer (82), eine Überlebende des Gettos Theresienstadt, zu Gast. Was bedeutet es für sie, vor jungen Menschen zu sprechen? „Es ist mir ein Bedürfnis. Ich möchte etwas von der Zeit erzählen. Sonst wird es vergessen“, sagte Liesel Binzer. Im Musikraum warteten Schüler der Jahrgangsstufen neun und zehn auf sie.

Matthias M. Ester vom Geschichtskontor Münster führte das Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer, geborene Michel. Die Schüler sahen Familienbilder – und erfuhren im selben Atemzug von Deportation und Ermordung im KZ. Von den elf Kindern des Großvaters Michel Michel überlebten nur drei das Nazi-Regime. „Alle anderen wurden ermordet, zum Teil mit ihren Partnern und Kindern“, berichtete Liesel Binzer.

Ihre Familie lebte vor der Deportation mit 90 anderen Menschen im sogenannten „Judenhaus“ am Kanonengraben. Am 31. Juli 1942 wurde sie mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster nach Theresienstadt deportiert. „Meine Mutter hatte mir, obwohl es heiß war, mehrere Kleidungsstücke übereinander angezogen“, erinnert sie sich. „Das war klug von ihr. Denn der einzige Koffer, den wir mitnehmen durften, wurde uns abgenommen. So hatte ich wenigstens Kleidung.“ Zwei Tage waren sie unterwegs. „Nach der Ankunft wurden wir alle getrennt.“ Sie kam allein in das Kinderheim. „Mit fünfdreiviertel Jahren war das ein enormer Shock für mich“, sagt sie.

Liesel Michel gehörte damals zu rund 15 000 Kindern, die in Theresienstadt interniert waren und von denen laut Matthias M. Ester nur 150 überlebten. Familie Michel wurde am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Sie zog nach Freckenhorst, dem Heimatort der Mutter. In Warendorf machte Liesel Michel Abitur, wurde Finanzbeamtin und heiratete 1960 Hans David Binzer. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Liesel Binzer hat ihre Erinnerungen in dem 2017 erschienenen Buch „Ich prägte mein Leben – wegen – trotz Theresienstadt“ festgehalten.

Am Scholl-Tag gibt es traditionell, seit 2007, Veranstaltungen für die Schüler. Das Gymnasium bot zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit dem Leitbild der Schule an sowie mit Jugendbüchern zum Nationalsozialismus und einen Workshop, in dem es darum ging, wie man Alltagsrassismus in Kleidung und Musik erkennen kann und diesem argumentativ begegnet. Zudem gab es historische, künstlerische und medienpädagogische Annäherungen an Lebens- und Erfahrungswelten im Nationalsozialismus. Theaterstücke boten eine Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft heute und in der Geschichte, so das Programm.

Auch für die Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule wurde ein auf die jeweilige Klassenstufe abgestimmtes Programm zusammengestellt, „das die Geschichte und den Mut der Geschwister Scholl erleben lässt und Ansporn ist, eigenes Verhalten kritisch zu reflektieren“, so Konrektor Tobias Regenbrecht. Der siebte Jahrgang fuhr zum Beispiel nach Winterswijk, dem Geburtsort der Autorin Johanna Reiss (geb. de Leuuw), die in ihren autobiografischen Büchern „Und im Fenster der Himmel“ und „Wie wird es morgen sein?“ als Jüdin ihre Erlebnisse zur Zeit des nationalsozialistischen Besetzung und der Nachkriegszeit in Winterswijk und einem Dorf nahe Enschede (Usselo) beschreibt. Das Buch „Und im Fenster der Himmel“ sei vorher in den Klassen gelesen worden, um den Tag vorzubereiten, so Regenbrecht.

Wie die Schülervertretung des Gymnasiums bereits angekündigt hatte, verteilten Schüler im Anschluss an den Scholl-Tag – vor Beginn der Demonstrationen gegen den Neujahrsempfang der AfD – vor Münsters Rathaus 600 Flugblätter. Sie waren versehen mit Zitaten der Geschwister Scholl. Die Schüler trugen damit die Vorbilder ihrer Schule in die Öffentlichkeit. Am Freitagabend wurde im Gymnasium der Willi-Graf-Preis verliehen. (Bericht folgt).

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