Bad Teinach-Zavelstein Erinnerung darf nicht verloren gehen

Bad Teinach-Zavelstein Erinnerung darf nicht verloren gehen

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Von Peer Meinert 20.02.2018 – 18:24 Uhr

Eva Szepesie (links) und Liesel Binzer berichteten in Bad Teinach-Zavelstein als Zeitzeugen von der Judenverfolgung. Foto: Meinert Foto: Schwarzwälder Bote

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advertorial

Eva Szepesie (links) und Liesel Binzer berichteten in Bad Teinach-Zavelstein als Zeitzeugen von der Judenverfolgung. Foto: Meinert Foto: Schwarzwälder Bote

 

Liesel Binzer ist 81 Jahre alt, sie spricht mit verhaltener Stimme – doch beim Thema Antisemitismus wird sie energisch: "In neuster Zeit nimmt der Antisemitismus in Deutschland wieder zu. Vor 20 Jahren traute sich niemand. Jetzt trauen sie sich wieder."

Bad Teinach-Zavelstein. Binzer ist Jüdin, während der Nazizeit litt sie im Konzentrationslager Theresienstadt. Als Kind – als die Nazis begannen, ihre Familie zu drangsalieren – hätte sie Deutschland am liebsten verlassen. Heute sagt sie: "Wenn es noch schlimmer wird, müssen wir eben wieder auswandern."

Die Frau, die aus der Gegend um Münster stammt und heute in Frankfurt lebt, spricht bei einer Veranstaltung des Projekts "Zeugen der Zeitzeugen" in Bad Teinach-Zavelstein. Diejenigen, die den Holocaust, den Vernichtungs-Wahn der Nazis überlebt haben, werden alt – und können bald nicht mehr reden. Dem bundesweiten Projekt geht es darum, die Erinnerungen zu wahren – die Jugend soll zuhören. "Die jungen Leute werden hierbei zu Zeugen der Zeitzeugen" – so das Ziel der Initiative.

Neben Binzer sitzt Eva Szepesie. Sie ist 85 Jahre alt, sie stammt aus Budapest. Sie hat Auschwitz überlebt. Jahrelang hat auch sie über ihr Martyrium geschwiegen, sie hat ihrem Ehemann nichts erzählt, sie hat ihren Kindern nichts erzählt – doch jetzt spricht sie in aller Offenheit. "Die Erinnerung darf nicht verloren gehen", sagt sie.

Das Grauen kam in Etappen, berichtet Binzer. Zuerst musste die Familie ihre Wohnung verlassen. "Wir kamen in ein Judenhaus", erzählt sie. "Ich konnte nicht einfach auf die Straße gehen und mit den Kindern spielen." Später dann das Vernichtungslager. "Immer wieder verschwanden dort plötzlich eine Menge Kinder", berichtet sie weiter. Lediglich 150 Kinder hätten in Theresienstadt überlebt. "Ich war eines dieser Kinder."

Dabei habe sich die Familie zuvor durchaus als Deutsche gefühlt. "Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft und dabei beide Beine verloren." Zu Hause habe man Deutsch gesprochen. "Wir waren deutsche Juden seit mehreren Jahrhunderten."

Plötzlich bezeichnen Freunde sie als "Saujüdin"

Auch bei Eva Szepesie kam das Grauen in Etappen. Bis sie sechs Jahre alt war, sei die Welt in Ordnung gewesen. Dann hätten ihre Freunde plötzlich etwas Eigenartiges zu ihr gesagt: "Was glotzt Du so blöd, Saujüdin!" Da hatte sie gewusst, dass ihre Welt nicht mehr in Ordnung war. Später dann Auschwitz – sie erinnert sich noch heute an "die SS-Männer mit ihren Hunden und Lederpeitschen". Sie habe sich nackt ausziehen müssen. "Eine Frau näherte sich mit einer Schere, sie schnitt meine Zöpfe ab und warf die Haare auf einen großen Haufen." Dabei sei sie auf ihre schönen Zöpfe so stolz gewesen, sagt sie.

Doch nach dem Ende des Grauens, nach Krieg und Holocaust, habe sie einen großen Fehler gemacht, berichtet Szepesie. Sie habe geschwiegen, selbst vor ihrem Ehemann, selbst vor ihren Kindern. "Meine Tochter wusste nicht, dass sie Jüdin ist." Sie habe das Kind in einen katholischen Kindergarten geschickt. "Heute weiß ich, dass es falsch ist zu schweigen."

Daher reise sie heute im ganzen Land herum, um von dem Grauen, das ihr und Millionen anderer angetan wurde, zu berichten: "Es darf nicht in Vergessenheit geraten."

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Er hatte schon die Auschwitz-Marke So entging Horst Selbiger dem Todeslager

n-tv.de/politik/So-entging-Horst-Selbiger-dem-Todeslager-article19615262.html

Politik

Horst Selbiger musste wie alle Juden bald den Namen "Israel" tragen.

Horst Selbiger musste wie alle Juden bald den Namen "Israel" tragen.

Freitag, 27. Januar 2017

Von Sonja Gurris

Als Junge erlebt Horst Selbiger die Hetze gegen Juden am eigenen Leib. Nur mit viel Glück entgeht er knapp der Deportation ins Todeslager Auschwitz. Eine Geschichte voller Hoffnung in einer schwarzen Zeit.

Sie nennen ihn "Judensau". Er wird beschimpft, erniedrigt, geschlagen. Keiner hält mehr zu ihm. Horst Selbiger ist in seiner Klasse der einzige Jude. Seine Mutter ist Christin, sein Vater jüdisch. In den Augen der Nationalsozialisten führen seine Eltern eine Mischehe.

"Im einst roten Berlin wehten nur noch Hakenkreuzfahnen, und die Menschen gingen dem auf den Leim. Und so kam es, dass auch schon die Sechsjährigen angesteckt waren von diesem Faschismus, dass ich bei meiner Einschulung darunter zu leiden hatte", erzählt der heute 89-jährige Berliner. Mit acht Jahren geht er zum jüdischen Sportverein Makkabi und lernt Boxen, um sich auch gegen die handgreiflichen Mitschüler verteidigen zu können. "Da gab es dann auch mal was zurück auf die Nase."

Seit 20 Jahren engagiert sich Horst Selbiger, heute 89, als Zeitzeuge und spricht mit Abiturienten über sein Leben. Allein 2016 hat er 20 Schulen besucht. Außerdem ist er Ehrenvorsitzender des Vereins "Child Survivors Deutschland - Überlebende Kinder in der Shoah".

Seit 20 Jahren engagiert sich Horst Selbiger, heute 89, als Zeitzeuge und spricht mit Abiturienten über sein Leben. Allein 2016 hat er 20 Schulen besucht. Außerdem ist er Ehrenvorsitzender des Vereins "Child Survivors Deutschland – Überlebende Kinder in der Shoah".(Foto: Sonja Gurris)

Horst Selbigers Vater hat eine Zahnarztpraxis und bekommt Berufsverbot. Doch weil er im Ersten Weltkrieg Frontkämpfer war, darf er später weiterarbeiten. Die Verleumdungen gegen die jüdische Familie hören aber nicht auf. Horst Selbiger wechselt bald die Schule – und ist dann nur noch unter Juden.

Plötzlich wird die Klasse leerer

Die Verfolgung wird für den jugendlichen Horst immer offensichtlicher: "Im Oktober 1938 fehlten plötzlich eine ganze Menge Kinder. Es waren vor allem diejenigen, deren Eltern ursprünglich mal aus Polen kamen." Sie wurden ausgewiesen, mussten Deutschland verlassen – aber Polen nahm sie nicht auf. Auch Selbiger war klar, was ihm bevorstand: "Wir wussten das, die Kinder waren damals klüger als die Erwachsenen." Der erste Transport von Juden aus Berlin in ein Vernichtungslager geht im Oktober 1941. "Aus Theresienstadt gab es mitunter noch Post, aus den anderen Lagern schon nicht mehr", berichtet Selbiger.

"Nachdem die Transporte begonnen haben, haben wir jeden Tag damit gerechnet und uns gefragt: 'Wann sind wir dran?'" Anfang 1942 werden die jüdischen Schulen geschlossen. Für Selbiger bedeutet das Zwangsarbeit – mit 14 Jahren. Er muss  in einer Fabrik mit giftigen Substanzen Flugzeugteile entfetten. Dann geht es Schlag auf Schlag: Am 27. Februar 1943 werden sämtliche Betriebe, in denen Juden beschäftigt sind, umstellt, alle Juden in Berlin werden verhaftet. Die SS bringt mehr als 20.000 Juden in vier Sammellager. Auch Selbiger ist dabei. Er wird ins Sammellager der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße gebracht.

Auf der Auschwitz-Liste

Todesfabrik Auschwitz

Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Chelmno, Belzec waren die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Im Konzentrationslagern Auschwitz I und dem benachbarten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau starben während des Zweiten Weltkriegs 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen. Die genaue Totenzahl wird nie festgestellt werden, weil Papiere von einigen Deportationen fehlen. Auch der Verbleib der meisten Toten ist unklar, sie wurden in der Regel verbrannt. Die Asche landete in umliegenden Flüssen.

90 Prozent der Getöteten waren Juden aus ganz Europa sowie der damaligen Sowjetunion. Viele wurden nach tagelanger Reise mit Zügen direkt in die Gaskammern getrieben. In Birkenau waren die Anlagen auf 8000 Tötungen pro Tag ausgelegt. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager von Soldaten der Sowjetunion befreit.

"In der Levetzowstraße wurden uns unsere jüdischen Kennkarten weggenommen, wir mussten unterschreiben, dass unser Vermögen beschlagnahmt wird. Und dann bekamen wir die Transportnummer für Auschwitz." In diesem Moment scheint sein Schicksal und das der anderen Juden im Sammellager besiegelt. Ihnen ist bewusst, dass sie vor der Deportation stehen.

Doch dann wendet sich die Geschichte – zumindest für Horst Selbiger und einige andere: "Es war ein Wunder", sagt er heute. Im Sammellager vor der Rosenstraße in Berlin demonstrieren Tausende nichtjüdische Bürger, vor allem Frauen, für die Freilassung ihrer jüdischen Verwandten. Augenzeugen berichten später, dass die Rosenstraße schwarz vor Menschen war, dass es der SS nicht mehr gelang, die Menge auseinanderzutreiben.

Die Demonstration in der Rosenstraße rettet Horst Selbigers Leben. "Ich war in der Levetzowstraße und wir wurden dann in die Rosenstraße verlegt", berichtet er. Alle Juden, die nicht mit Christen verwandt waren, blieben in der Levetzowstraße. Für Selbiger bedeutete die Verlegung in das andere Lager die baldige Entlassung. Es ging zurück ins "Judenhaus" und er stand nicht mehr auf der Auschwitz-Liste. 

Doch das war ihm damals noch nicht bewusst. "Goebbels hatte schon Berlin für judenfrei erklärt, trotzdem wurden wir entlassen. Es war eine Niederlage für die Nazis, dass wir immer noch da waren." Das Damoklesschwert der Deportation hing aber noch über uns, bis die Russen in Berlin eintrafen." Noch im März 1945 gehen die Transporte in die Vernichtungslager, in denen Millionen Menschen starben. Bis zum Kriegsende muss Selbiger Bombenschäden beseitigen, 60 Stunden Zwangsarbeit in der Woche. Er weiß, dass viele andere Juden, mit denen er im Lager in der Levetzowstraße inhaftiert war, deportiert wurden.

"Juden alle tot, du Faschist"

Als die Russen nach Berlin kommen, gerät Selbiger noch einige Tage in Kriegsgefangenschaft. Sie glauben nicht, dass er Jude ist. "Juden alle tot, du Faschist", sagt ein Russe zu ihm. Mit Mühe kann er beweisen, dass er ein Jude ist, der nicht deportiert wurde.

Erst von diesem Moment an ist auch für Horst Selbiger der Krieg vorbei. Seine Eltern überleben den Krieg ebenfalls. Aus seiner gesamten Familie wurden 61 Menschen in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Bilderserie

... Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein."Allein in Warschau lebt zwischenzeitlich ein Drittel der Bevölkerung auf drei Prozent des Stadtgebiets, zeitweise bis zu 460.000 Menschen.Den Unmut über die bisherige Vernichtungspolitik drückt auch Hans Frank, der berüchtigte Generalgouverneur in Polen, Ende Dezember 1941 aus.Die Wannseekonferenz und der Holocaust Die Vernichtung der europäischen Juden

Quelle: n-tv.de

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Autorin Salomea Genin “Ich wollte von meinen Peinigern geliebt werden”

http://www.deutschlandfunkkultur.de/autorin-salomea-genin-ich-wollte-von-meinen-peinigern.970.de.html?dram:article_id=401384

IM GESPRÄCH | Beitrag vom 24.11.2017

Autorin Salomea Genin "Ich wollte von meinen Peinigern geliebt werden"

Moderation: Klaus Pokatzky

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Salomea Genin im Maxim-Gorki-Theater in Berlin (imago stock&people)

Salomea Genin im Maxim-Gorki-Theater in Berlin (imago stock&people)

Salomea Genin ist Autorin, Zeitzeugin und Jüdin: Als Mädchen floh sie vor den Nazis nach Australien, nach dem Krieg ging sie zurück nach Deutschland. Sie brauchte Jahrzehnte, um für sich zu begreifen, was Nazis und Judenhass mit ihr gemacht hatten.

Salomea Genin wollte aufhören, eine Jüdin zu sein und kehrte deshalb nach dem Holocaust nach Deutschland zurück.

Heute weiß sie warum: "Ich wollte von den Deutschen in den Arm genommen werden und hören, dass ich keine dreckige Jüdin bin, sondern doch ein ganz nettes, liebes Mädchen."

Jahrzehnte emotionaler und mentaler Arbeit 

Die 85-jährige Zeitzeugin und Autorin ist geborene Berlinerin, eine aus ihrer Geburtsstadt vertriebene Jüdin, eine frühere Kommunistin, Australierin und Deutsche. Ihre unterschiedlichen Identitäten zu integrieren hat Genin Jahrzehnte emotionaler und mentaler Arbeit gekostet. Eine Arbeit, an der sie beinahe zu Grunde gegangen wäre.

Hätte sie nicht zwei Bücher über ihr Leben geschrieben, wäre sie längst gestorben, sagt Salomea Genin heute. 

1932 in Berlin geboren, wuchs Genin in einer Atmosphäre des Hasses auf Juden auf:

"Ich spürte den Judenhass dauernd. Ich war am 9. November 1938 dabei, als ein Nachbar bei uns klingelte und sagte, dass wir ja nicht auf die Straße gehen sollen, denn sie hätten 300 Juden in der Synagoge in der Oranienburger Straße eingepfercht und würden sie jetzt anzünden. Gott sei Dank stellte sich später heraus, dass das ein Gerücht war. Aber all das führte dazu, dass natürlich die Angst ganz stark war. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich am nächsten Morgen zwischen meiner Mutter und meiner großen Schwester Renia zwischen den Glasscherben getippelt bin, und halb Berlin war auf den Beinen, um sich die Folgen der Reichskristallnacht, wie man sie damals nannte, anzugucken. All das habe ich als Kind mitgekriegt, und diese Angst hat mich traumatisiert und hatte schlimme Folgen."

Flucht nach Melbourne

Im Mai 1939 konnte Salomea dann gemeinsam mit ihrer Schwester Renia und ihrer Mutter ins australische Melbourne auswandern.

Mit 17 Jahren trat Salomea Genin in Australien in die kommunistische Partei ein, die für sie zum Ersatz für ihre dysfunktionale Familie wurde. Im August 1944 wurde sie zum ersten Mal eingeladen, an einem Abend des kommunistischen Jugendverbandes teilzunehmen. Dort hielt die Generalsekretärin Audrey Blake einen Vortrag und sprach darüber, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland ausgelöst worden war und die Deutschen die Juden "zum Prügelknaben" gemacht hatten.

"Als ich das hörte, wusste ich zum ersten Mal, warum wir Deutschland verlassen mussten. Und warum wir vor allen Dingen verfolgt wurden – für nichts und wieder nichts."

Die DDR wollte sie nicht aufnehmen

Mit 22 Jahren kehrte sie zurück nach Deutschland, um Bürgerin der DDR zu werden, die sie allerdings mehrere Jahre lang nicht aufnehmen wollte. Und erst sehr viel später verstand Genin dann, was Nazis und Krieg mit ihr gemacht hatten:

"Ich habe Jahrzehnte später begriffen, dass ich ein Stockholm-Syndrom hatte. Das heißt, ich wollte von meinen Peinigern geliebt werden. Ich wollte aufhören, mich so zu fühlen, dass ich eine dreckige Jüdin wäre. So hatte man mir das beigebracht als Kleinkind."

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Video: Der Tag mit Tina Gerhäusser (DW)

Video:

Der Tag mit Tina Gerhäusser (DW)

Nach dem Putsch in Simbabwe: Mugabe verhandelt mit einer südafrikanischen Delegation und dem Militär, Rekordsumme für Leonardo da Vinci Kunstwerk "Salvador Mundi", Peru löst als letztes Land das Ticket zur Fußball-WM in Russland,

Gast des Tages: Horst Selbiger, Holocaust-Überlebender

Interview der Deutschen Welle mit unserem Ehrenpräsidenten Horst Selbiger ab Minute 35:00

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Video, knapp 4 Minuten mit unserem Ehrenpräsidenten, Horst Selbiger!

"Der Faschismus war nie weg." – Horst Selbiger hat den Holocaust in Nazi-Deutschland überlebt. Der Einzug der AfD ins Parlament macht dem 90-jährigen Angst (via DW Stories)

 

Für Video bitte hier klicken!

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Der-Selbstmord-der-Mutter-rettete-ihm-das-Leben-Freie-Presse

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Zeitzeugen-Gespräche „Gestohlene Kindheit“ im Nazi-Terror

  wn.de/Muensterland/Kreis-Warendorf/2858176-Zeitzeugen-Gespraeche-Gestohlene-Kindheit-im-Nazi-Terror

Zeitgeschichte hautnah: Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke (7.v.r.) startete in Ennigerloh gemeinsam mit Zeitzeugin Liesel Binzer (5.v.r) und dem Historiker Matthias Ester (4.v.r.) das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“. Die Veranstaltung wurde von Realschulleiterin Felicitas Inkmann (7.v.l) und Geschichtslehrer Marco Kühlert (l) sowie Schülerin der Abschlussklassen unterstützt..

Zeitgeschichte hautnah: Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke (7.v.r.) startete in Ennigerloh gemeinsam mit Zeitzeugin Liesel Binzer (5.v.r) und dem Historiker Matthias Ester (4.v.r.) das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“. Die Veranstaltung wurde von Realschulleiterin Felicitas Inkmann (7.v.l) und Geschichtslehrer Marco Kühlert (l) sowie Schülern der Abschlussklassen unterstützt.

KREIS WARENDORF – 

Liesel Binzer war mit 15 000 Kindern im Ghetto Theresienstadt. Mit ihr haben nur rund 150 Kinder überlebt. Ennigerloher Schüler hören ihr jetzt bei ihrem Zeitzeugengespräch zu.

Die Abschlussklassen der Realschule zur Windmühle und Anne-Frank-Hauptschule in Ennigerloh hatten am Dienstag die Gelegenheit mit der aus Münster stammenden Liesel Binzer eine der letzten Zeitzeuginnen zu hören, die in dem Konzentrationslager Theresienstadt interniert waren und die Shoah überlebt haben.

Doch die Zeit, in der Überlebende die Erinnerung an den Holocaust und die Entrechtung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten persönlich den nachwachsenden Generationen vermitteln können, neigt sich dem Ende entgegen. Was kommt dann?

Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke gab im Rahmen des Zeitzeugengesprächs in der Realschule Ennigerloh den Startschuss für das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“ für den Regierungsbezirk Münster. „Erinnerungspaten, die in einem engen Kontakt zu den Überlebenden stehen oder standen, können besser als jede Geschichtsschreibung einen unmittelbaren Eindruck von der Dimension des Unrechts vermitteln und damit gegen eine Wiederholung des Bösen immun machen. Es ist höchste Zeit, ihnen zuzuhören“, sagte Klenke.

Die Schüler erlebten den Historiker Matthias Ester vom Geschichts-Kontor Münster als ersten Erinnerungspaten. Er führte das Gespräch und zeigte Dokumente, Fotos und Erinnerungsstationen. Ester steht seit Jahren in engem Austausch mit der Zeitzeugin Liesel Binzer, die 1936 in Münster als Liesel Michel geboren wurde und fünf Jahre alt war, als sie am 31. Juli 1942 mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster aus nach Theresienstadt deportiert wurde. Ester war es auch, der Liesel Binzer ermutigte, öffentlich über ihr Überleben im Nazi-Terror, ihre Kindheit im Ghetto und später ihre Jugend und Schulzeit im Nachkriegs-Münsterland zu sprechen. Sie war mit 15 000 Kindern im Ghetto Theresienstadt. Nur rund 150 haben überlebt

Liesel Binzer schilderte den Schülern der Abschlussklassen auch, wie sie mit den Erfahrungen und Nachwirkungen einer „gestohlenen Kindheit“ umgegangen ist und wie ihre Kinder und Enkel dieses „Familienerbe“ wahrnehmen.

Für das Projekt „Erinnerungspaten“ hat das Dezernat für Lehrerfortbildung der Bezirksregierung Münster in Zusammenarbeit mit der Geschichtsort Villa ten Hompel ein Konzept entworfen, wie das Gedenken am besten wachgehalten werden kann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Zu diesen Zeitzeugen gehören alle Menschen, deren Leben in der Zeit des Nationalsozialismus massiv gegen ihren Willen verändert wurde, wie Holocaust-Überlebende, Verfolgte, Untergetauchte, Emigranten, Kinder der Kindertransporte, aber auch Angehörige von Überlebenden. Die potenziellen Erinnerungspaten sollen die Zeitzeugen oder die Angehörigen persönlich gekannt und gesprochen, als Zeitzeugen gehört haben und Fotos, Briefe, Dokumente oder Video-Audiomitschnitte aus dem Leben des Zeitzeugen präsentieren können.

Die Erinnerungspaten übernehmen als Vermittler und Botschafter die Geschichte des Überlebenden. Es ist auch wichtig, dass Erinnerungspaten ein vertieftes historisches Sachwissen haben, gut erzählen und mit Schülern umgehen können. Die künftigen Erinnerungspaten werden bei ihrer Aufgabe eng von Fachleuten der Bezirksregierung und der Villa ten Hompel begleitet.   

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Warum Eva Szepesi ihr Schweigen brach

mainpost.de/regional/schweinfurt/Lebensrettung-Nationalsozialisten;art742,9611505

1.6.2017

Sie schreibt und spricht über die Hölle, die sie als Zwölfjährige erlebt hat. „Es ist meine Pflicht, meiner Mutter, meinem Bruder und allen, die es nicht überlebt haben, eine Stimme zu geben“, sagt sie heute.

Szepesi weiß, dass die Menschen aus der Geschichte nichts lernen, sich aber sehr wohl von persönlichen Zeugnissen beeindrucken lassen. Im Rahmen der Reihe „Zeitzeugen berichten“ hatte das Bayernkolleg sie eingeladen, genau diese Betroffenheit und ein Gespür für die daraus wachsende Verantwortung im Hier und Heute zu wecken.

Im Saal hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als Szepesi beginnt, aus ihrem Buch „Ein Mädchen auf der Flucht“ zu lesen und ihr Schicksal zu erzählen. Man merkt ihr an, dass die Erinnerungen belastend sind. „Es ist schon anstrengend, denn die ganzen Emotionen kommen wieder hoch“ erklärt sie, aber die Jungen sollen wissen, was damals geschehen ist, „verstehen können sie das sowieso nicht, es ist unmöglich, das zu verstehen“.

Eva wächst in Budapest auf. Bis zu ihrem achten Lebensjahr verbringt sie eine glückliche Kindheit, dann wird schlagartig alles anders. Ihre Spielkameraden beschimpfen sie plötzlich als „Saujüdin“, keiner will mehr mit ihr spielen. Sie ist zehn, als der Vater zum Arbeitsdienst nach Weißrussland muss, ein Jahr später wird er als vermisst gemeldet. Sie ist elf, als die Nazis Ungarn besetzen, ab jetzt muss sie den gelben Judenstern tragen. Die Mutter versucht, sie in Sicherheit zu bringen, schickt sie mit der Tante in die Slowakei. Sie verspricht, mit dem keinen Bruder nachzukommen. Eva Szepesi wird beide nie wiedersehen.

Die Tante übergibt sie in der Slowakei an einen Rabbi, der an eine Familie, die an zwei ältere Damen. Stationen, in denen es ihr eigentlich gut ging, aber „ich konnte das nicht genießen, weil ich ja immer auf ein Lebenszeichen meiner Mutter wartete, sie hatte es doch versprochen“, erzählt die gebürtige Ungarin. Mitte September 1944, in der Nacht, kommt die SS, jetzt heißt es, das Wichtigste packen und ins Sammellager. Von dort aus gehört sie zum letzten Transport, der ins Konzentrationslager geht. Sie sitzt im Viehwaggon, ängstlich, apathisch und von quälendem Hunger geplagt, die Luft ist „zum Ersticken“.

„Es ist meine Pflicht, meiner Mutter, meinem Bruder und allen, die es nicht überlebt haben, eine Stimme zu geben.“

Eva Szepesi über ihre Motivation, ein Buch zu schreiben

Aber das sollte noch nicht das Schlimmste sein. In Auschwitz werden sie von SS-Männern mit Hunden und Lederpeitschen empfangen, alles Persönliche wird ihnen abgenommen, sie müssen sich nackt ausziehen. Eine Aufseherin tritt die blaue Jacke, die die Mutter ihr gestrickt hat, mit Füßen. Dann kommt „das Schlimmste“: Mit einer Schere schneidet ihr eine Aufseherin die geliebten Zöpfe ab und wirft sie auf einen Haufen von Haaren. „Es war, als hätten sie mir meinen letzten Schutz genommen“, erinnert sich die Überlebende.

In einem unbeobachteten Moment raunt ihr eine Aufseherin zu: „Du bist 16!“ Die Zwölfjährige ist so verwirrt, dass sie die Behauptung bei der Registrierung wiederholt. Erst viel später erfährt sie, dass ihr das das Leben gerettet hat, denn die Kinder, die nicht arbeiten konnten, kamen gleich ins Gas. Die Neuzugänge bekommen Holzpantinen und gestreifte Häftlingskleidung und werden tätowiert. Ab sofort war ich nur noch A26877, erzählt Szepesi. Das Grauen des Lagers ergreift auch von den Zuhörern Besitz.

Schnell lernt das Mädchen damals die Überlebensstrategie des Lagers: „Mund halten und nie auffallen.“ Die Aufseherin habe ihr ja das Leben gerettet, stellt eine Zuhörerin fest und eine andere will wissen, ob sich die Gefangenen untereinander geholfen hätten. Für beide gelte, es gibt solche und solche. Auch in der Hölle gibt es Menschen, die sich einen Rest Gutes bewahrt haben, und andere, die zu Tieren werden, stellt die Auschwitzüberlebende fest.

Als die SS im Januar 1945 die letzten Häftlinge auf Todesmärchen in den Westen treibt, bleibt das Mädchen zurück, sie ist halb tot. Sie erinnert sich: „Irgendwann kam eine helfende Hand und fütterte mich mit Schnee.“ Als sie ein zweites Mal aus der Bewusstlosigkeit erwacht „leuchtet ein roter Stern über mir“. Ein russischer Soldat bringt sie ins Lazarett, wo sie wieder zu Kräften kommen kann.

Den bewegenden Worten von Szepesi schließt sich eine aufschlussreiche Fragerunde an. „Wollten Sie die Tätowierung nie entfernen lassen?“, will ein Schüler wissen. „Nein, sie gehört zu mir und sie ist nicht meine Schande“, antwortet Szepesi.

Warum sei sie ausgerechnet in Deutschland, dem Land der Täter sesshaft geworden, fragt jemand. Das war Schicksal, antwortet die 84-Jährige. Ihr Mann sei beruflich für zwei Jahre nach Frankfurt gegangen. Dann aber kam der Volksaufstand in Ungarn und ein blutiges Ende durch den Einmarsch der Sowjetarmee und das Einsetzen einer pro-sowjetischen Regierung. Die Familie beschloss, in Deutschland zu bleiben. Heute ist die gebürtige Ungarin froh, denn „der Antisemitismus in Ungarn ist viel schlimmer als hier“.

Den Jugendlichen legt sie ans Herz, „mutig dagegen aufzutreten, wenn jemand ausgegrenzt wird, denn so etwas darf nie wieder passieren.“

 

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“Holocaust? Darüber lesen kannst du morgen noch…”

Horst Selbiger als Zeitzeuge der Holocausts im Institut für Katholische Theologie

 

Im Rahmen einer Veranstaltung des Instituts für Katholische Theologie der TU Dortmund hörten 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dem Holocaustüberlebenden Horst Selbiger zu. Als jüdischer Zeitzeuge der NS-Diktatur in Deutschland teilte Horst Selbiger seine Erlebnisse mit den Zuhörerinnen und Zuhörern und verlieh allen Opfern des Holocausts eine Stimme. In Berlin wurde Horst Selbiger am 10. Januar 1928 als Sohn eines jüdischen Zahnarztes und einer nichtjüdischen Mutter geboren. Nach einer vergleichsweise unbeschwerten Kindheit erzählte Horst Selbiger von der entscheidenden Wende in seinem Leben durch die Machtergreifung Hitlers. Er und seine Familie erlebten ab 1933 den Übergang von anfänglicher Diskriminierung im Privat-, Schul- und Berufsleben bis hin zur späteren systematischen Verfolgung von jüdischen Menschen in ganz Europa. Über die erste Deportation jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger in die ersten Konzentrationslager erzählte Horst Selbiger besonders ergreifend. Stellvertretend zum Gedenken der vielen Millionen Opfer, insbesondere der 1,2 Millionen Kinder, verlas Horst Selbiger die Namen der sechs Säuglinge und Kleinkinder des ersten Deportationszuges. Nach seinem Vortrag beantwortete Horst Selbiger noch Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Auf die abschließende Frage, worauf es im Leben ankäme, forderte Horst Selbiger: „Mut, Widerstand und Zivilcourage“ von der nachfolgenden Generationen. Durch Horst Selbigers Engagement wurde es den Zuhörerinnen und Zuhörern ermöglicht, selbst zu „Zeugen eines Zeitzeugen“ zu werden.

  

Holocaust 3

v.l.n.r.: Patrick Freund (Organisator der Veranstaltung), Horst Selbiger, Prof. Dr. Egbert Ballhorn

  

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Von 15 000 Ghetto-Kindern überlebten lediglich 150

  fnweb.de/fraenkische-nachrichten_artikel,-bad-mergentheim-von-15-000-ghettokindern-ueberlebten-lediglich-150-_arid,1051283.html

Autor: Peter D. Wagner 22.5.2017

 

Bad Mergentheim.Zwei ergreifende und beeindruckende Unterrichtsstunden erlebten die Schüler der Klassenstufen 10 und 11 des Deutschorden-Gymnasiums (DOG).

"In dem bundesweiten Projekt 'Zeugen der Zeitzeugen' wollen wir der letzten Generation der Holocaust-Überlebenden, deren Kindern und Enkeln begegnen und mit ihnen in einen Dialog treten", erklärte Alexandra Behns, ehrenamtliches Teammitglied von "Zeugen der Zeitzeugen", einem Projekt des Vereins "Initiative 27. Januar" mit Sitz in Berlin. Weitere Ziele seien, das Gedenken an den Holocaust lebendig zu halten und an die junge Generation weiterzugeben, dem Antisemitismus in seinen Erscheinungsformen entgegenzuwirken sowie die deutsch-israelischen Beziehungen durch Austausch und Projekte zu stärken. "Ein einzigartiges Erlebnis", so kündigte Rektorin Sabine Rühtz die Veranstaltung mit Liesel Binzer in der mit über 130 Schülern und Lehrern sehr gut besuchten DOG-Aula an. Behns sagte, sie höre häufig, dass Holocaust-Überlebende schon lange verstorben seien. Dabei würden Zahlen von 2016 noch von weltweit rund 100 000 Überlebenden ausgehen.

Nach ihrer Rückkehr aus diesem KZ wohnte sie zunächst in Warendorf/Freckenhorst gemeinsam mit ihren Eltern, die ebenfalls das KZ überlebt hatten, sowie ab 1965 in Mühlheim und ab 1968 in Offenbach, wo sie Mitglied der Jüdischen Gemeinde ist. 1960 heiratete sie und bekam in den Folgejahren drei Kinder. Wie bei allen anderen Kindern und Jugendlichen sowie weiteren Überlebenden des Holocausts sei auch für sie der Neuanfang 1945 schwer gewesen. Sie habe versucht, trotz oder gerade wegen ihrer Erlebnisse im KZ Theresienstadt ihr eigenes Leben zu führen und eine harmonische Familie zu gründen, was ihr letztlich auch gelungen sei.

In Theresienstadt sei sie, auch wenn sie sich als Kind nicht aller Einzelheiten bewusst gewesen sei, zu früh erwachsen geworden, bilanzierte Binzer, nachdem sie eingehend ihre Geschichte, Erlebnisse und Erfahrungen geschildert hatte. Seit damals spüre sie eine innere Unruhe und reagiere besonders sensibel auf Antisemitismus, der in Deutschland noch immer bei manchen Menschen verbreitet sei. Trotzdem versuche sie, den Menschen zu vertrauen. "Als Zeitzeugin versuche ich ein Gespür für Unrecht zu vermitteln und speziell auch junge Menschen dafür zu sensibilisieren", hob Binzer hervor. Nach dem Vortrag nutzten zahlreiche Schüler die Gelegenheit, mit der 80-Jährigen ins Gespräch zu kommen.

Ihre Erlebnisse hat Binzer in einem Buch veröffentlicht, das mit Förderung durch die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sowie durch den Zentralrat der Juden in Deutschland in der Reihe "Bittere Vergangenheit – bessere Zukunft" des Vereins Child Survivors Deutschland herausgegeben wurde.

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Kommentar im Mindener Tageblatt zum Treffen der Child-Survivor in Petershagen

Bessere Zukunft für Child Survivors

Zweimal jährlich treffen sich die Child Survivors Deutschland in Petershagen bei Minden zu einem lebhaften Gedankenaustausch. Dort werden sie liebevoll betreut von der ARBEITSGEMEINSCHAFT ALTE SYNAGOGE PETERSHAGEN ( AG ASP). Das Treffen wird gefördert von der Claims Conference.

 

März 2017 gab es sogar eine Lesung in Minden, zum Beginn der neuen Buchreihe: "Bittere Vergangenheit! – Bessere Zukunft?", mit den beiden Autoren der Bände 1 und 2:

im Verlag Hentrich und Hentrich ab April 2017 mit:
    Band I (einführend), Philipp Sonntag: Wir Überlebende des Nazi-Terrors in Aktion
    Band II, Liesel Binzer: Ich prägte mein Leben in / wegen / trotz Theresienstadt. 

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Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer

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Vom Leben und Überleben im Deutschland der Nazizeit, im KZ Theresienstadt und im heutigen Deutschland und Israel

 

 

Leibniz schreibt in seiner Monadologie:

„Denn an uns selbst lernen wir durch die Erfahrung Zustände kennen, in welchen uns weder eine gehörige Erinnerung, noch irgend eine deutliche Vorstellung zu Gebot steht. Dergleichen sind Schwäche, Ohnmacht, oder ein tiefer traumloser Schlaf, der uns gefangen hält. In diesen und ähnlichen Lagen unterscheidet sich die Seele nicht merklich von einer bloßen Monade, und steht nur insofern höher denn diese, als jene Zustände bei ihr von keiner Dauer sind, sondern sie sich durch eigene Kraft aus denselben emporzuraffen vermag.“
(Leibniz, Gottfried Wilhelm: Leibnitz’ Monadologie. Deutsch mit einer Abhandlung über  Leibnitz’ und Herbart’s Theorie des wirklichen Geschehens, von Dr. Robert Zimmermann. Wien: Braumüller & Seidel 1847; S. 15, § 20.)

 

 

 

 

 

Erinnerung und deutliche Vorstellungen sind es also, was uns in Leibnizens Augen über die einfachen seelenlosen Monaden hinaus hebt und uns als Menschen ausmacht.

Ohne Erinnerungen wären wir demnach schwach, ohnmächtig, hilflos.

Das gilt insbesondere dann, wenn Erinnerung dazu dient, aus Vergangenem zu lernen, um sich aktuellen Herausforderungen gezielt stellen zu können.

Ganz konkret gilt es zum Beispiel heutzutage, wenn unsere demokratischen Werte vom Chauvinismus nationalistischer Radikaler bedroht, weltanschauliche Toleranz von religiösen Fundamentalisten untergraben und die Erinnerungskultur unserer Zivilisation von populistischen Politikern infrage gestellt wird.

Da gilt es, dagegenzuhalten, und dazu ist man am ehesten dann in der Lage, wenn man in heutigen Aussagen, Positionen und Prozessen Muster wiedererkennt, deren Schädlichkeit man ebenso historisch belegen kann wie die Notwendigkeit ihres Scheiterns.

Wenn nationalistische Politiker den Holocaust und/oder andere Völkermorde kleinreden oder leugnen, wenn sich machthungrige Politiker wie Hitler gebärden oder gar selbst mit ihm vergleichen und ihnen Massen ebenso unreflektiert folgen wie vor nicht einmal einem Jahrhundert, dann kann man froh sein, dass es noch Menschen gibt, die sich an die Geschehnisse von damals aus erster Hand erinnern, andere daran teilhaben lassen und so deutliche Vorstellungen davon vermitteln können, wie es damals war und wie es auf keinen Fall wieder werden darf.

Die Generation heutiger SchülerInnen wird eine der letzten sein, die noch das Privileg besitzen, Zeitzeugen des Holocausts unmittelbar kennenlernen und sprechen zu können.
Wenn sich dann noch eine Zeitzeugin findet, die biographisch eng mit der Heimatstadt der SchülerInnen verbunden ist und ihnen so trotz aller biographischen Unterschiede doch ganz fassbar nahesteht, dann rückt ihr Erleben ganz nah mit dem der SchülerInnen zusammen und schafft ein gemeinsames fruchtbares Fundament, auf dem sich immer wieder gemeinsame Anknüpfungspunkte finden und Erinnerungen lebendig mitteilen und teilen lassen.

 

 

Zeitzeugin Liesel Binzer hat als Kind das KZ Theresienstadt er- und überlebt und berichtet gemeinsam mit ihrer Tochter von ihrem Leben.

 

 


So war es auch beim Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer, die als Fünfjährige ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, den Holocaust glücklicherweise und erstaunlicherweise gar gemeinsam mit ihren Eltern überlebte und sich später in Offenbach ein neues Leben aufgebaut hat. Gemeinsam mit ihrer Tochter sprach sie vor und mit SchülerInnen der Jahrgangsstufe 9 und des diesjährigen Abiturjahrgangs. Herr Kegler und Herr Keller, die beide diese SchülerInnen unterrichten, bereiteten das Gespräch im Unterricht vor und nach, hatten es organisiert und begleiteten auch die Veranstaltung selbst.

Frau Binzer erzählte, unterstützt durch Fotografien, ihre Lebensgeschichte. Sie schilderte die Situation der Juden in Deutschland vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ließ die zunehmende Ausgrenzung der Juden in all ihren Formen Revue passieren, berichtete vom Leben und Überleben im KZ Theresienstadt, beleuchtete die Schwierigkeiten des Neuanfangs im Nachkriegsdeutschland inmitten zahlloser unbehelligt gebliebener Nazis und schloss mit der Präsentation ihrer Familie und deren Bemühen um die Akzeptanz ihres jüdischen Lebens im Hier und Heute, in Deutschland ebenso wie in Israel, wohin ihre Tochter ausgewandert ist.

Es war eine ungewöhnliche Perspektive, die Frau Binzer bot. Sie hat die Zeit des Nationalsozialismus aus dem Blickwinkel eines Kindes wahrgenommen, und so unterschieden sich ihre Erlebnisse – und Zeugnisse – bereits deutlich von denen, die die Generation der heutigen Lehrer von Zeitzeugen zu hören gewohnt sein dürfte. Das mInderte allerdings keineswegs den Wert dieser Erinnerungen, sondern rückte die Zeit in ein für das gesamte Publikum neues Licht. Selbst die Lehrer dürften manches auch für Sie neue Ungehörte und Unerhörte erfahren haben.

 

 

Frau Binzer (als "Child Survivor") vermittelt den SchülerInnen eine besondere Perspektive auf das Leben als Jude in Deutschland vor, während und nach dem Krieg bis heute.

 

 

Ihr Bericht bewegte das Publikum sichtlich. Das zeigte sich zum einen an der aufmerksamen Ruhe der SchülerInnen, zum anderen aber auch sehr deutlich an den Fragen, die im Anschluss aus dem Plenum an Frau Binzer gerichtet wurden.

Man interessierte sich beispielsweise dafür, inwieweit ihr als Kind die Lage der Juden bewusst und spürbar wurde. Während einerseits im KZ die Kinder abgeschottet von den Erwachsenen von jüdischen Gefangenen betreut wurden, die sich mühten, den Kindern die Zeit so angenehm wie unter den gegebenen Umständen möglich zu machen, spürte sie andererseits schon vor der KZ-Zeit in verschiedenen Situationen, dass sie als Jüdin zunehmend anders angesehen, anders behandelt wurde.

Ob sie sich dann gewünscht habe, keine Jüdin zu sein, wurde sie gefragt. Als Kind, in manchen Situationen, gänzlich unreflektiert, durchaus. Heute kommt es ihr ebenso wie ihrer Tochter aber darauf an, dass sie unbehelligt ihren kulturellen Gepflogenheiten nachgehen können, ohne deshalb als andersartig angesehen zu werden. Sie wollen sie selbst sein dürfen und sich darin als ganz normal wahrgenommen und akzeptiert fühlen.

In Zeiten, in denen es für SchülerInnen mit Migrationshintergrund oft an der Tagesordnung ist, sich mit der Ambivalenz des Wunsches nach eigener Akzeptanz einerseits und dem Bedürfnis nach identitätsstiftender Abgrenzung von anderen, die mitunter das Risiko von deren Ausgrenzung eingeht, auseinandersetzen, ist es erhellend zu hören, dass auch diese Problematik keineswegs eine neue ist, und das sid nicht bloß eine bestimmte Gruppe von Migranten betrifft, sondern eine vielfältig geteilte Grunderfahrung ist.

Ob Frau Binzer angesichts der Untaten der Nazis am Glauben habe festhalten können, lautete eine Frage aus dem Plenum. Sie habe bis heute Zweifel, räumte sie ein, denn es könne nicht Gottes Wille gewesen sein, dass 6 Millionen Juden ermordet wurden – und das nur wegen ihrer Religion. Auch dieses Thema könnte aktueller kaum sein in einer Zeit vorgeblich religiös motivierter Kriege und im Namen der Religion begangenen Terrors.

Ob Sie je Rachegedanken gehegt habe, wollte ein Schüler wissen. Höchstens als Kind, überlegte Frau Binzer, aber sie hätte daran nie festhalten können, noch wollen. Rachegedanken zerstörten einen nicht zuletzt auch selbst, stellte sie klar und gab in ihrer Versöhnlichkeit ein Beispiel dafür ab, dass und wie es möglich ist, die Gewaltspirale zu durchbrechen, in denen sich vielerorts Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen aufreiben. Sid lehnt Gewalt und Krieg strikt ab, das ist eine der wichtigsten Lektionen, die sie im Krieg gelernt hat und nun weiterzugeben bemüht ist.

Deutschland sei trotz allem ihr Heimatland und das Land ihrer Muttersprache. Sie hat sich mit ihren Eltern auf das Wagnis eingelassen, zurückzukehren. Früher sei es denn auch tatsächlich schwer gewesen, sich den eigenen Erlebnissen zu stellen, als sie noch jünger gewesen sei, heute gelinge es ihr besser, darüber zu sprechen. Man müsse im Leben immer positiv denken, sich den Optimismus bewahren, sonst bekomme man Probleme mit der Seele.

Offenbach ist ihr eine neue Heimat geworden, eine Stadt, die sich in ihren Augen sehr positiv entwickelt habe, "multikulti", jeder werde akzeptiert, wie er sei, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunft. Das solle bitte so bleiben.

Das war mehr als nur ein Bekenntnis zu dieser Stadt, die sich glücklich schätzen kann, aus dem Munde einer Zeugin derartiger Geschehnisse, wie Frau Binzer sie erleben musste, ein solches Lob zu erfahren. Es war zugleich auch ein Appell an die vor ihr sitzenden jungen OffenbacherInnen, unverdrossen daran mitzuwirken, dass chauvinistischer Separatismus die städtische Gemeinschaft bedroht, die sich durch ihre "unitas in multitudine" auszeichnet, wie sie Leibniz nennen würde.

Vortrag und Gespräch trafen und betrafen die SchülerInnen offensichtlich in hohem Maße. Einige blieben noch lange nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, um die Gelegenheit zu nutzen, das Gespräch mit Frau Binzer und ihrer Tochter fortzusetzen. Die Themen, die dabei zur Sprache kamen, gingen weit über die Nazizeit hinaus.

Nicht zuletzt brannten ein paar palästinensische Schülerinnen darauf, mit Frau Binzer Tochter über die Situation in Israel zu sprechen, die sie als dort Ansässige ja aus erster Hand kennt. Obgleich man nicht in allen Details einer Meinung war, war man sich doch unzweifelhaft einig darin, dass man stets bereit sein müsse, ungeachtet der weltanschaulichen Unterschiede einander schlicht als Menschen zu begegnen und möglichst unvoreingenommen sich auf das Gespräch miteinander einzulassen.

Auch dass es Ziel sein müsse, dass beide Völker gemeinsam und voneinander unbehelligt in Israel leben können, war man sich gänzlich einig.

 

Frau Binzers in Israel lebende Tochter im offenen Gespräch mit unter anderem auch palästinensischen Schülerinnen.

 


Alles in allem konnte man in dieser Veranstaltung, im Teilen der Erinnerungen und im Austausch miteinander, aus der Vergangenheit lernen für Gegenwart und Zukunft, für Toleranz und ein friedliches Miteinander der Kulturen in einer gemeinsamen Welt, die in solcher Form Leibniz sicherlich als "die beste aller möglichen Welten" ansähe…

(Blu)

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Auftakt des Projektes „Erinnerungspaten” mit Regierungspräsident Prof. Dr. Klenke

Überlebende des Ghettos Theresienstadt sprach mit Schülern der Realschule zur Windmühle und Anne-Frank-Hauptschule

 

Münster/Ennigerloh. Die Abschlussklassen der Realschule zur Windmühle und Anne-Frank-Hauptschule in Ennigerloh hatten am Dienstag (13. Juni) die Chance mit der aus Münster stammenden Liesel Binzer eine der letzten Zeitzeuginnen zu hören, die in dem Konzentrationslager Theresienstadt interniert waren und die Shoa überlebt haben.

Doch die Zeit, in der Überlebende die Erinnerung an den Holocaust und die Entrechtung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten persönlich den nachwachsenden Generationen vermitteln können, neigt sich dem Ende entgegen. Was dann?

 

Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke gab im Rahmen des Zeitzeugengesprächs in der Realschule Ennigerloh den Startschuss für das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“ für den Regierungsbezirk Münster. „Erinnerungspaten, die in einem engen Kontakt zu den Überlebenden stehen oder standen, können besser als jede Geschichtsschreibung einen unmittelbaren Eindruck von der Dimension des Unrechts vermitteln und damit gegen eine Wiederholung des Bösen immun machen. Es ist höchste Zeit, ihnen zuzuhören“, sagte Klenke.

 

Die Schüler erlebten den Historiker Matthias Ester vom Geschichts-Kontor Münster als ersten Erinnerungspaten. Er führte das Gespräch und zeigte Dokumente, Fotos und Erinnerungsstationen. Ester steht seit Jahren in engem Austausch mit der Zeitzeugin Liesel Binzer, die 1936 in Münster als Liesel Michel geboren wurde und fünf Jahre alt war, als sie am 31. Juli 1942 mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster aus nach Theresienstadt deportiert wurde. Ester war es auch, der Liesel Binzer ermutigte, öffentlich über ihr Überleben im Nazi-Terror, ihre Kindheit im Ghetto und später ihre Jugend und Schulzeit im Nachkriegs-Münsterland zu sprechen. Die Zeitzeugin schilderte den Schülern der Abschlussklassen auch, wie sie mit den Erfahrungen und Nachwirkungen einer „gestohlenen Kindheit“ umgegangen ist und wie ihre Kinder und Enkel dieses „Familienerbe“ wahrnehmen.

 

Für das  Projekt „Erinnerungspaten" hat das Dezernat für Lehrerfortbildung der Bezirksregierung Münster in Zusammenarbeit mit der Villa ten Hompel ein Konzept entworfen, wie das Gedenken am besten wachgehalten werden kann, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Zu diesen Zeitzeugen gehören alle  Menschen, deren Leben in der Zeit des Nationalsozialismus massiv gegen ihren Willen verändert wurde, wie Holocaust-Überlebende, Verfolgte, Untergetauchte, Emigranten, Kinder der Kindertransporte, aber auch Angehörige von Überlebenden. Die potentiellen Erinnerungspaten sollen die Zeitzeugen oder die Angehörigen persönlich gekannt und gesprochen, als Zeitzeugen gehört haben und Fotos, Briefe, Dokumente oder Video-Audiomitschnitte aus dem Leben des Zeitzeugen präsentieren können. Die Erinnerungspaten übernehmen als Vermittler und Botschafter die Geschichte des Überlebenden. Es ist unter anderem wichtig, dass Erinnerungspaten ein vertieftes historisches Sachwissen haben, gut erzählen und mit Schülern umgehen können. Die künftigen Erinnerungspaten werden bei ihrer Aufgabe eng von Fachleuten der Bezirksregierung Münster und der Villa ten Hompel begleitet.

Bildzeile: Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke (7.v.r.) startete in Ennigerloh gemeinsam mit Zeitzeugin Liesel Binzer (5.v.r) und dem Historiker Matthias Ester (4.v.r.) das Projekt „Erinnerungspaten – Erinnern über die Zeitzeugenschaft hinaus“. Die Veranstaltung wurde von Realschulleiterin Felicitas Inkmann (7.v.l) und Geschichtslehrer Marco Kühlert (l) sowie Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen unterstützt.

Bildquelle: Bezirksregierung Münster (Wir erklären uns damit einverstanden, dass die beigefügten Bilder für die Berichterstattung in Print- und Online-Medien sowie in Sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. Ausgenommen sind sonstige kommerzielle Zwecke.)

 

Weitere Informationen zu der Zeitzeugin Liesel Binzer:

 

Liesel Binzer, geb. Michel, 1936 in Münster geboren, war fünf Jahre alt, als sie am 31. Juli 1942 mit ihren Eltern vom Güterbahnhof Münster aus nach Theresienstadt deportiert wurde. Die Familie überlebte die Shoah; sie wurde am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit und ließ sich im Juli 1945 in Freckenhorst, dem Heimatort der Mutter, nieder. Liesel Michel besuchte die Volksschule in Freckenhorst und das Mariengymnasium in Warendorf, wo sie 1957 das Abitur machte. Sie wurde Finanzbeamtin. 1960 heiratete sie Hans David Binzer. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Mitte der 1960er Jahre zog die Familie in die Nähe von Frankfurt/Main, wo Liesel Binzer auch heute noch lebt.

 

Liesel Michel gehört zu den 15.000 Kindern, die in dem Konzentrationslager Theresienstadt im damaligen „Protektorat Böhmen und Mähren“ interniert waren, von denen nur etwa 150 überlebten. Mehr als 140.000 Menschen wurden in der Garnisonsstadt Terezín in den Jahren 1941 bis 1945 gefangen gehalten. Etwa 33.000 Juden starben aufgrund der katastrophalen Lebensumstände oder fielen dem Terror zum Opfer, 88.000 Häftlinge wurden weiter in die Vernichtungslager im Osten Europas deportiert. Das Lager Theresienstadt diente auch der nationalsozialistischen Propaganda. Als „Vorzeige-Ghetto“ sollte es die internationale Öffentlichkeit über den wahren Charakter des Lagers und der Judenverfolgung hinweg täuschen.

 

Liesel Binzer spricht erst seit wenigen Jahren öffentlich über ihr Überleben im Nazi-Terror und ihre Jugend im Münsterland. Am 27. Januar 2011, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, fand in Warendorf ihr erstes Zeitzeugengespräch statt.

 

Inzwischen engagiert sich Liesel Binzer im Vorstand des Vereins „Child Survivors Deutschland – Überlebende Kinder der Shoah“ (www.child-survivors-deutschland.de), in dem sich Menschen organisieren, die als Kinder in der Nazi-Zeit verfolgt wurden und nun im hohen Alter an die Öffentlichkeit treten.

 

Anfang April 2017 sind die Erinnerungen von Frau Binzer in Buchform erschienen – ein weiterer Schritt auf dem langen Weg zur öffentlichen Zeitzeugin. Das Buch enthält zudem kurze Statements der drei Kinder und eines Enkels, die darüber berichten, wie die Shoah-Erfahrungen der Mutter bzw. der Großmutter in den Lebensalltag der zweiten und dritten Generation hinein wirken. Liesel Binzer: Ich prägte mein Leben in – wegen – trotz Theresienstadt

(Bittere Vergangenheit – Bessere Zukunft, Bd. 2), Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2017, 80 S., Broschur, zahlreiche Abbildungen, € 12,90, ISBN 978-3-95565-212-8

 

Klappentext: „Ich habe versucht, mein eigenes Leben soweit wie irgend möglich selbst zu gestalten und einiges ist mir gelungen. Eigentlich war das kaum möglich und es ist mir heute noch unheimlich: Ich war mit 15.000 Kindern im Ghetto Theresienstadt und nur etwa 150 haben überlebt. Wie generell bei Child Survivors, welche die Verfolgung der Nazis als Kinder und/oder Jugendliche überlebt haben, so ist auch bei mir der Neuanfang 1945 schwierig gewesen. Natürlich war die Befreiung ein Höhepunkt des eigenen Lebens. Aber es fehlte viel Ausbildung, es fehlte 'das Erlernen des Verhaltens im Alltag' durch eine gesunde Familie in einem respektvollen gesellschaftlichen Umfeld. Für die Auswirkungen des Holocaust ist typisch, dass ich sie nach wie vor spüre und in den Herausforderungen des Lebens damit immer neu umgehen muss. 2001 wurde der Verein Child Survivors Deutschland e. V. gegründet, in dem ich ein aktives Vorstandsmitglied bin.“ Liesel Binzer

 

Familiengeschichtliche Daten zu Liesel Michel-Binzer

Vater: Bernhard Michel (9.10.1897 Burgsteinfurt – 24.11.1977 Frankfurt/M.)

Mutter: Hilde Rosenberg (15.3.1906 Freckenhorst – 6.10.1977 Münster)

Hochzeit: 20.12.1935 in Münster

(Hilde und Bernhard Michel sind beerdigt auf dem Jüdischen Friedhof in Warendorf.)

Liesel Michel-Binzer

Geburt: 16.10.1936 Münster; einziges Kind des Ehepaares

Hochzeit: 1.4.1960 in Freckenhorst, Hans David Binzer (1931 – 2005)

Kinder: Daniela (*1961), Gabriela (*1962), Michael (*1966)

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Antisemitismus Heute:

Von unserem Mitglied Pavel Hoffmann

 

Wer geglaubt hat, dass nach dem Holocaust und der Vernichtung von zwei Drittel der europäischen Juden, resp. 90% der jüdischen Kinder Europas, der Antisemitismus der Vergangenheit angehört, der hat sich maßlos getäuscht.

Die Definition des Antisemitismus hat sich aber seit es Israel gibt, grundsätzlich geändert. Vor 1945 bezeichnete sich ein Mensch, der "die Juden noch weniger mag als üblich", stolz selbst als Antisemiten. Heute kann man denjenigen, der von den Juden bzw. den Israelis, das verlangt, was man Nichtjuden nicht einmal im Traum zugemutet hätte, zu Recht als Antisemiten bezeichnen. Denn ein wehrhafter Jude ist für viele Deutsche oder Europäer nach 2000 Jahren Opferrolle unerträglich. Juden sollen gefälligst die Opfer bleiben, die sich berauben, vertreiben oder ermorden lassen. In unseren fortschrittlichen Demokratien werden die jüdischen Opfer von Paris, Brüssel, Beerscheba und anderswo bedauert und beweint und dann wird eine Gedenkfeier mit Klezmer-Musik abgehalten. Antisemitismus wird aber nicht in erster Linie von Vorurteilen bestimmt, sondern von tiefgehenden Ressentiments. Vorurteile sind dahingegen eher harmlos, man braucht sie, um sich im Leben zurecht zu finden, denn jeder hat positive und negative Vorurteile.

Dass die Juden z.B. das Volk des Buches oder das Volk des Witzes sind, hören wir gerne, dass sie aber schlechtes Benehmen haben hören wir ungern.

Deutsche sind fleißig, diszipliniert und gastfreundlich, dem wird man sicher zustimmen. Wenn man sagt, sie seien geizig, humorlos und kindisch, stößt man auf Widerstand.

Ein Vorurteil zielt auf das Verhalten des Menschen, das Ressentiment immer auf dessen Existenz.

Der Antisemit nimmt dem Juden nicht das übel, was er macht oder wie er ist. Dass der Jude überhaupt existiert, ist sein Problem. Anpassung oder auch die Abgrenzung wirft der Antisemit den Juden vor. Reiche Juden sind Ausbeuter, arme Juden sind Schmarotzer, kluge Juden sind überheblich, dumme Juden ( ja auch solche gibt es ) sind eine Schande für das Judentum. Der Antisemit nimmt den Juden alles übel und auch das Gegenteil davon. Deshalb bringt es nichts mit Antisemiten über die Absurdität deren Ansichten zu diskutieren. Man muss sie ausgrenzen oder in einer Art sozialer Quarantäne isolieren. Die Gesellschaft muss unbedingt deutlich herausstellen, dass sie den Antisemiten und den Antisemitismus genauso verachtet wie die Prügelstrafe als Mittel der Erziehung oder die Vergewaltigung (auch in der Ehe).

Der Antisemitismus unterliegt dem zeitbedingten Wandel, so wie die Armut heute nicht mehr die gleiche ist wie zur Zeit des Oliver Twist oder wie bei Aschenputtel.

 

Antisemitismus scheint wohl inzwischen zu einer „DNA- Eigenschaft“ Europas geworden zu sein.

Der gewöhnliche Antisemitismus ist der Antisemitismus der dummen Kerle, um es mit einem Bebel Zitat zu beschreiben. Er schmiert Hakenkreuze an die jüdischen Grabsteine und brüllt:“Juda verrecke“. Niemand wird sich mit Rabauken solidarisieren, die den Arm zum Hitlergruß heben oder „Juden raus“ schreien.

Es ist hässlich und dumm, aber höchstens ein Fall für die Polizei, weil es letztlich irrelevant ist.

Der moderne Antisemit hat dagegen keine Glatze, dafür aber Manieren und oft sogar einen akademischen Titel. Er trauert um die toten Juden, die im Holocaust umgekommen sind, aber stellt gleich die Frage, warum die Juden aus ihrer Geschichte nichts gelernt haben und heute ein anderes Volk misshandeln. Der moderne Antisemit glaubt nicht an die Protokolle der Weisen von Zion, aber er fantasiert über die sogenannte Israel Lobby, die mit den USA wedeln wie ein Hund mit dem Schwanz.

Der moderne Antisemit gedenkt des 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz. Aber gleichzeitig möchte er dem Iran auch das Recht zugestehen, eine Atombombe zu haben.

Der moderne Antisemit findet den ordinären Antisemitismus schrecklich, aber gleichzeitig bekennt er sich zum Antizionismus, damit er hierin seine Abneigung gegenüber den Juden in einer politischen korrekten Form ausleben kann.

Der Antizionist hat die gleiche Einstellung zu Israel wie der klassische Antisemit zu den Juden. Den Antizionisten stört nicht alles, was Israel macht, aber dass Israel überhaupt existiert. Deshalb beteiligt er sich vehement an der Debatte um die Lösung der Palästina Frage, die für das Israel die Endlösung bedeutet.

Währenddessen lassen ihn aber die Massenmorde im Simbabwe, Darfur oder Syrien genauso kalt wie die Aussendung von tausenden iranischen Kindern in die Minenfelder mit einem Plastik-Schlüssel um den Hals für den Schlüssel zum Himmel.

Vor dem Krieg gab es Juden, Antisemiten und Antisemitismus. Nach dem Krieg gab es Antisemitismus ohne Juden und heute haben wir es wieder mit einem Phänomen zu tun, dem Antisemitismus ohne Antisemiten.

Neu ist auch der Beruf eines „Freizeit Antisemiten“, der seinen Sonntagsbraten aus dem Porzellanteller des vergasten Nachbarn genießt und am Abend versucht sein schlechtes Gewissen durch den Besuch der antizionistischen Israel diffamierenden „Nakba“ Ausstellung zu beschwichtigen.

Antizionismus und Antisemitismus sind zwei Seiten der gleichen Medaille. War der Antisemit überzeugt dass der Jude an Antisemitismus selbst schuld ist, so ist der Antizionist überzeugt, dass Israel nicht nur für die Leiden der Palästinenser sondern auch dafür verantwortlich ist was es selbst erleiden muss.

Der moderne Antisemit ehrt die toten Juden, aber nimmt es den lebenden Juden übel, wenn sie sich wehren. Er ruft „Wehret den Anfängen“ wenn ein paar Hobbynazis in Cottbus aufmarschieren, aber hat Verständnis für den iranischen Führer, der monatlich zu der vollständigen Vernichtung des jüdischen Staates aufruft.

Der moderne Antisemit ist entsetzt, wenn in Paris oder Berlin Islamisten wahllos Zivilisten ermorden, aber er sucht nach einer Motivation, wenn eine israelische Familie von zwei Arabern brutal ermordet wird und dem Baby noch der Kopf abgeschnitten wird.

Der Korrespondent des Bayerischen Rundfunks, dessen Botschaften im Radio, auf tagesschau.de und über Twitter verbreitet werden, sagte doch allen Ernstes nach dem furchtbaren  Blutbad in einer Jerusalem Synagoge: »Nach dem Motiv der Attentäter fragt niemand.«

Das Motiv fehlt!

Aber welches Motiv kann jemand haben, der sich mit einem anderen dazu verabredet, in einer Synagoge vier betende Juden mit dem Hackmesser niederzumetzeln? Da nichts gestohlen wurde, war es kein Raubmord, auch Eifersucht und ein Unfall können nach ersten Erkenntnissen ausgeschlossen werden – der Fall bleibt rätselhaft. .

Genauso können sich 71% der Deutschen nicht vorstellen, dass Juden und Araber nicht nur in Israel, sondern auch in einem Staat Palästina leben könnten. Sie träumen lieber von einer ethnischen Säuberung, die früher Adolf und heute Herr Abas seinen Landsleuten versprochen hat, die sie aber sonst weltweit geißeln.

Die Aufgabe der Menschheit besteht nicht darin, scheinheilig nach »dem Motiv« der Täter zu fragen – das kennen wir bereits –, sondern darin, sie zu stoppen.

Der erste Schritt dorthin ist, eben jenes Motiv so laut, so deutlich und so oft wie möglich zu benennen und dabei keine Schutzbehauptungen zugunsten der Täter zuzulassen.

Der einzige Antrieb der Mörder und ihrer Unterstützer ist: sadistischer Judenhass.

 

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Pavel Hoffmann: Gedenkreden

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Pavel Hoffmann: Sicherheitsrat-Entscheidung

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Geschützt: Blog: Kinder der Shoah

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Gedenkveranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 24. Januar 2017 in der Synagoge Oranienburger Straße, in Berlin

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Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer

GDE Error: Requested URL is invalid
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9. Nov. Bittere Vergangenheit-bessere Zukunft?

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